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Verborgenen Datenaustausch hörbar gemacht

Der Doktorand Otto Hans-Martin Lutz ist Mensch-Maschinen-Interaktions-Spezialist und beschäftigt sich in seinem Disserationsvorhaben mit der Sonifikation, der auditiven Vermittlung, von Gefahren für Sicherheit und Privatheit.

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Weizenbaum Insights


Rund 90 Prozent aller Webseiten verwenden Tracking. „Webtracking“ bezeichnet das Sammeln von Informationen und die Verfolgung von Nutzer*innen im Internet. Aus der Analyse der besuchten Webseiten, Suchanfragen und des Nutzerverhaltens können sensible persönliche Daten über Nutzer*innen abgeleitet werden. Da eine kleine Anzahl von Unternehmen – darunter Google, Facebook und Amazon – für einen Großteil des Trackings verantwortlich ist, werden auch Daten zusammengeführt, die beim Besuch verschiedener Webseiten generiert werden. Otto Hans-Martin Lutz, Doktorand am Weizenbaum-Institut, hat mit seinen Teamkolleg*innen ein Verfahren entwickelt, mit dem das unsichtbare Tracking für Nutzer*innen akustisch erfahrbar wird.

Herr Lutz, wie sind Sie darauf gekommen, das Tracking auf Webseiten mit Tönen hörbar zu machen?

Die Forschungsgruppe 19 befasst sich mit Digitalisierung und vernetzter Sicherheit. Wir diskutieren untereinander immer wieder über verschiedene Aspekte von Privatsphäre und Sicherheit. Vielen Menschen, die sich im Internet bewegen, scheint nicht klar zu sein, wie viel auf normalen Webseiten eigentlich im Hintergrund verfolgt wird. 

Was wird denn online getrackt?

Ich gebe zum Beispiel einen Suchbegriff ein und besuche bestimmte Seiten. Die Trackingfirmen wissen dann, wie lange ich auf welchen Seiten verweile, was ich lese. Daraus können hochsensible Daten wie vermutete Krankheiten abgeleitet werden und es kann ein Profil erstellt werden. Es ist schon vorgekommen, dass Frauen Werbung für Babyartikel angezeigt bekamen, obwohl sie selbst noch nicht wussten, dass sie schwanger sind.

Wie wandeln Sie Tracking in Töne?

Wir schneiden Daten, also den Traffic mit. Wir filtern die Datenpakete nach bekannten Webtrackern. Und wir schauen uns an, wann eine Verbindung initiiert wird und wann die Daten übertragen werden. Diese Ereignisse übersetzen wir in Klänge: Jedes zu einer Trackingfirma übertragene Datenpaket wird mit einem akustischen Signal dargestellt. Wenn zu einer der Top-Ten-Trackingfirmen eine Verbindung aufgebaut wird, erklingt beim ersten Mal zusätzlich ein Flüstern, das den Namen der Firma nennt, zum Beispiel Facebook oder Google. Manche dieser Namen sind den Nutzern bekannt, andere nicht. Das regt zum Nachdenken an. Das Besondere an unserem Ansatz ist, dass wir das nicht nur für einen Browser zeigen können, sondern wir können verschiedene Browser und Apps untereinander vergleichen, und das jeweils mit und ohne Blocking-Plugins.

Wie sind Sie bei Ihrem Projekt vorgegangen?

Das Fraunhofer FOKUS kooperiert mit der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin im Rahmen des Lernlabors Cybersicherheit. Im dortigen Labor gibt es verschiedene Veranstaltungen, zum Beispiel die Lange Nacht der Wissenschaften. Dabei kann ich sehr realitätsnahe Nutzerstudien durchführen. Wir rufen dann zusammen mit den Besuchern verschiedene Webseiten auf, vergleichen zum Beispiel die Webseite vom Weizenbaum-Institut mit der Bild. de-Seite. Der Unterschied ist hörbar gewaltig. Wir schauen uns kostenlose E-Mail-Provider im Vergleich zu kostenpflichtigen an, die mehr auf Datenschutz achten. Und danach bitte ich die Besucher, einen Fragebogen auszufüllen, um zu sehen, ob sich in ihrem Bewusstsein bezüglich Privatsphäre und Sicherheit etwas geändert hat. Und ich frage auch danach, welche Fragen sie sich nach dem Erlebnis der Klänge stellen. 

Und was wollen die Leute dann wissen?

Zum Beispiel: Was kann man gegen Tracking machen? Für welche Zwecke werden meine Daten genutzt? Manche der Fragen lassen auch Rückschlüsse auf die mentalen Modelle der Nutzer zu wie: Mit welcher Antivirus-Software kann ich mich vor Tracking schützen? Diese Person hat also nicht verstanden, dass eine Antivirus-Software zwar vor Schadprogrammen schützt, nicht aber vor Webtracking.

Wie schafft man es, dass Leute nachdenken und Fragen stellen?

Was sonst im Verborgenen passiert, machen wir hörbar. Die Menschen sind erst einmal überrascht und fangen dann an, viele Fragen zu stellen und zu diskutieren. Das ist das Ziel. Die eigentliche Frage ist, wie viel kostenlosen Service und wie viel Bequemlichkeit erkaufe ich mir dadurch, dass ich meine Daten freigebe. Wenn ich möchte, kann ich die Entscheidung für weniger Privatsphäre ja treffen, nur treffe ich sie dann bewusst.

Was ist denn so gefährlich daran, wenn mich eine Webseite trackt?

Eine Webseite, die jemanden alleine trackt, ist relativ harmlos. Problematisch ist, wenn ein Cookie einer der großen Anbieter auf vielen verschiedenen Webseiten zu finden ist. Dann kann ein genaues Profil erstellt werden. Spannend wird es dann, wenn Ihnen dadurch Möglichkeiten verwehrt werden, zum Beispiel, wenn Versicherungen mehr über Sie wissen, als Sie ahnen. Es werden Annahmen über Sie getroffen – und die können ja auch falsch sein. Wir kennen das ja schon, dass Preise variieren können – in Abhängigkeit vom Endgerät. 

Was ist der nächste Schritt in diesem Projekt?

Die qualitative Auswertung der Fragen und Aussagen der Teilnehmer. Hier ist auch die interdisziplinäre Zusammenarbeit am Weizenbaum-Institut toll: Ich kann einfach meine Kollegin, eine Sozialwissenschaftlerin, fragen, wie ich dabei korrekt vorgehe. Dann werden wir das Projekt noch auf einem Kleincomputer wie dem Raspberry Pi umsetzen, der ein eigenes WLAN aufmacht, in das man sich mit jedem Gerät einloggen kann. Und diese Lösung machen wir der Öffentlichkeit zugänglich. Ich bin gespannt, was passiert, wenn ich mich mit meinem Handy einlogge und verschiedene Apps öffne: Wie viele dieser Apps senden Daten zu Trackingfirmen? Ich kann mir durchaus vorstellen, dass kostenlose Apps wie Spiele wie wild Profile erstellen. Richtig spannend wird es auch bei SmartTVs und Smart Speakern wie Alexa und Co. 

Vielen Dank für das Gespräch.

Klangprobe des Projekts Sonification

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