Keine Angst vor Daten – Ein Rückblick auf das letzte Weizenbaum-Forum

Das Weizenbaum-Forum am 9. März 2021 beleuchtete das Thema Datenkompetenz aus unterschiedlichen Perspektiven.

Data Literacy ist die Kompetenz des 21. Jahrhunderts. Aber was genau heißt es eigentlich, datenkompetent zu sein? Die geladenen Gäste der inzwischen sechsten Ausgabe des Weizenbaum-Forums zeigten auf, warum die Definitionen von Data Literacy so vielseitig sind wie unsere Gesellschaft selbst – und welche Herausforderungen mit dieser Komplexität verbunden sind. Mit dabei waren: Bennet Etsiwah (Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Weizenbaum-Institut), Laura Ludwig (Doktorandin an der Humboldt-Universität zu Berlin und Mitgründerin des Museums für Werte), Klaas Bollhöfer, (Gründer und Geschäftsführer von Birds on Mars). Die Moderation übernahm Stefanie Hecht (Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Weizenbaum-Institut).

Konzepte von Data Literacy

Bennet Etsiwah lieferte mit dem ersten Beitrag des Abends die wissenschaftliche Perspektive auf die große Frage „Was ist Data Literacy?”. Im Rahmen seiner Forschung, so Etsiwah, stelle er immer wieder fest, dass das Konzept von Data Literacy in einer Vielzahl von organisationalen Kontexten der Datennutzung verhandelt werde. Am häufigsten käme Data Literacy in der Fachliteratur im Zusammenhang mit Schulen, Lehrer*innen und Pädagogen*innen vor. So beschreibe „Data Literacy for Teaching” beispielsweise die Fähigkeit, Lerndaten von Schüler*innen in pädagogisches Wissen und Handeln zu übersetzen.

Das Konzept Data Literacy erscheine zudem auch im universitären Bereich, wo es sich unter anderem mit dem wissenschaftlichen Datenmanagement auseinandersetze. Wieder andere Konzepte von Data Literacy seien im ökonomischen Kontext angesiedelt, wie etwa im Bereich des Sicherheitsmanagements. Die Tatsache, dass Daten erst im Prozess ihrer Nutzung und abhängig vom Anwendungskontext an Bedeutung gewinnen, sei einer der Gründe für die Vielzahl an Data-Literacy-Definitionen. Was alle Konzepte von Data Literacy schließlich vereine sei die Tatsache, „dass sie sich im Grunde immer der Frage widmen, welche Person welche Kompetenzen braucht, um datenbasierte Entscheidungsprozesse zu verstehen und mitzugestalten.“

Das Mobile Datenlabor als neuartiger Erfahrungs- und Experimentierraum 

Eine zivilgesellschaftliche Betrachtungsweise brachte im Anschluss Laura Ludwig ein. Als Mitgründerin des Museums der Werte vertrat sie die Ansicht, dass Werte essenziell für eine vielfältige und offene Gesellschaft seien und vor allem in Zeiten von gesellschaftlichem Wandel Orientierung böten. Im Kontext ihrer Museumsarbeit seien Werte unverzichtbar, um Themen von gesellschaftlicher Relevanz wie etwa Demokratie, Nachhaltigkeit oder Technologie zu begreifen. So sei das übergeordnete Ziel des Museums, ein gesellschaftliches Miteinander auf Augenhöhe zu verhandeln.

Daten und ihr Einfluss auf das gesellschaftliche Leben seien Ludwig zufolge für Bürger*innen ähnlich schwer zu fassen wie Werte und Normen. Dabei seien Daten zu einem unerlässlichen Teil des Alltags geworden. Die Erhebung, Speicherung und Verarbeitung von Daten schaffe jedoch auch Asymmetrien. Die einen sammelten, speicherten und verarbeiteten aktiv Daten, und von den anderen würden Daten gesammelt, gespeichert und verarbeitet. Damit diese Informationskluft nicht weiterwachse, müssten auch Menschen ohne Technologiehintergrund Kompetenzen aufbauen, um mit Daten souverän umgehen zu können. „Wir wollen also einen Lernzugang zu Data Literacy schaffen, der für Fachfremde gedacht ist”, so Ludwig. Hier setze das Mobile Datenlabor des Museums für Werte an. Hierbei handele es sich um einen Erfahrungs- und Experimentierraum, in dem mit neuen Ansätzen und Methoden Datenthemen heruntergebrochen würden, um eine kreative Datenkompetenz in der Zivilgesellschaft zu fördern.

Datakompetenz als interaktive Erfahrung

Mit dem dritten Vortrag öffnete Klaas Bollhöfer einen unternehmerischen Blick auf das Thema Datenkompetenz. Daten seien abstrakt, beliebig und schwer fassen. Die Agentur Birds on Mars habe sich deshalb zur Aufgabe gemacht, den Umgang mit Daten zu einem interaktiven Erlebnis werden lassen. Für den Berliner Maler Roman Lipski entwickelte die Agentur beispielsweise eine künstliche Intelligenz. In diese wurden zunächst bereits bestehende Bilder des Künstlers eingespeist, so dass diese den Stil von Lipski erlernte und anschließend begann, auf der Datenbasis neue Bilder zu generieren. Durch die Sichtbarmachung der eigenen Daten entdeckte Lipski neue Farben, Stile und Techniken, die ihn für weitere Bilder inspirierten.

In einem anderen Projekt trugen Birds on Mars ihr Konzept in einen Kindergarten der Diakonie Rosenheim. Für die Kinder wurde ein Koffer gebaut, der es ihnen ermöglichte, mit ihren eigenen Daten neue Werke zu kreieren. So wurden Bastelarbeiten der Kinder mit einer Videokamera aufgenommen und das Bildmaterial wurde anschließend von ihnen stilistisch verfremdet. Für den Konzern Bayer bauten Bollhöfer und sein Team einen Escape Room, in dem die Mitarbeitenden des Unternehmens Rätsel lösen mussten und gleichzeitig den kompletten Data-Science-Prozess erlernten. Bollhöfer zufolge gelange man zur Datenkompetenz, indem man neue Dinge erlerne und gleichzeitig alte Gewohnheiten verlerne. Die zentrale Herausforderung sei es dabei, Daten so begreifbar zu machen, dass jeder eine Vorstellung davon entwickele, welche Kompetenz für den richtigen Umgang mit ihnen notwendig sei.

Den Vorträgen folgte eine Diskussion, bei der die Panelisten*innen auf Aspekte des Datenschutzes und Fragen der Ethik eingingen. Die Runde wurde abgeschlossen mit Buch- und Podcast-Empfehlungen der Experten*innen. Diese lauteten:

 

Bücher:

  • Sarah Spiekermann-Hoff: Digitale Ethik: Ein Wertesystem für das 21. Jahrhundert;
  • John Markoff: Machines of Loving Grace

Podcasts:

Online-Kurs:

  • UC Berkeley Foundations of Data Science „Data-8”

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