Idee und Wirklichkeit einer europäischen Medienplattform – Rückblick auf das letzte Weizenbaum-Forum

Das fünfte Weizenbaum-Forum am 9. Februar 2021 widmete sich der Idee und Wirklichkeit einer digitalen europäischen Medienplattform. Ein Rückblick.

Kann eine europäische Medienplattform dabei helfen, eine neue digitale europäische Öffentlichkeit zu stärken? Wer soll diese alternative Plattform aufbauen? Und welche Werte sollen darauf verwirklicht werden? Diese Fragen erörterten die drei geladenen Panelisten*innen des fünften Weizenbaum-Forums: Johannes Hillje, Politik- und Kommunikationsberater, Prof. Dr. Barbara Pfetsch, Principal Investigator am Weizenbaum-Institut / Freie Universität Berlin, und Jonas Bedford-Strohm, Journalist und Innovationsmanager der ARD. Moderiert wurde das virtuelle Event von Weizenbaum-Wissenschaftler Philipp von Becker.

Die Idee der Plattform Europa

Den Einstieg in das Thema und die nachfolgende Diskussion lieferte Johannes Hilljes Impulsvortrag, in dem er die Kernthesen seines Buchs Plattform Europa vorstellte. Darin skizziert er, wie durch digitale Techniken eine europäische Öffentlichkeit geschaffen werden kann. Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist die Tatsache, dass die Art und Weise, wie wir über Europa denken und fühlen sehr viel damit zu tun hat, wie in den Medien über Europa berichtet wird. In seinem Vortrag konstatiert er eine Dysfunktionalität der europäischen Öffentlichkeit, die sich besonders in Zeiten politischer Krisen zeige. So würden aus nationalen politischen Krisen häufig europäische Existenzkrisen, wie es im Fall der Griechenland-Krise zu beobachten war. Eine Folge dieser Entwicklungen sei es, dass in krisengebeutelten Ländern ein Zuwachs an euroskeptischen Einstellungen zu verzeichnen sei.

Die Ursachen dieser Entwicklungen sieht Hillje in den nationalen europäischen Medien, die wie Filterblasen funktionierten, indem sie eindimensional über europäische Themen berichteten. Um eine neue europäische Öffentlichkeit zu schaffen, schlägt Hillje den Aufbau einer europäischen Medienplattform vor. Gemeint ist ein digitales, öffentlich finanziertes und gemeinwohlorientiertes soziales Netzwerk, ein virtueller Ort für Nachrichten, Unterhaltungsangebote und Dienstleistungen – kurz: eine Plattform, auf der Debatten zu europäischen Themen stattfinden können. Träger einer solchen Plattform könne Hillje zufolge die Europäische Rundfunkunion (EBU) sein, wobei die Finanzierung über eine Digitalsteuer erfolgen könne, deren Einführung innerhalb der EU in der Vergangenheit vielfach diskutiert wurde.

Europäisierung als horizontale Vernetzung

Barbara Pfetsch ging im zweiten Beitrag des Abends auf Hilljes Konzept einer Plattform Europa aus der akademischen Perspektive ein. Grundsätzlich teilte sie die Forderung nach einer europäischen Öffentlichkeit, jedoch sei die Idee eines gemeinsamen europäischen Kommunikationsraums in der Vergangenheit immer defizitär gewesen, da politische Interessen einer gemeinsamen europäischen Kommunikation gegenüberstünden. „Deshalb ist europäische Öffentlichkeit nicht nur ein Kommunikationsproblem, sondern hängt auch mit den Interessen der politischen Eliten in den Nationalstaaten zusammen“, erklärte die Wissenschaftlerin. Das Schaffen einer europäischen Öffentlichkeit sei nicht wie von Hillje vorgeschlagen als Top-down-Prozess zu verstehen. Europäisierung werde in der Forschung als gegenseitige Wahrnehmung und horizontale Vernetzung von verschiedenen Akteuren in unterschiedlichen Ländern gedacht. „Diese Art von Denken hat den Vorteil, dass wir nicht warten müssen, bis die ARD die europäische Öffentlichkeit schafft, sondern, dass Europäisierung ein Bottom-up-Prozess ist, der von unten kommt”, so Pfetsch.

Daran anschließend hinterfragte die Wissenschaftlerin in ihrem Beitrag, mit welchen Inhalten eine solche Plattform eine große Anzahl von Nutzer*innen erreichen möchte: „Läuft die Plattform Europa dann nicht in dieselbe Falle wie das öffentlich-rechtliche Fernsehen mit seinen Angeboten?“ Offen bleibe auch, so Pfetsch, was mit jenen Nutzer*innen geschehen solle, die nicht europafreundliche Dinge sagten, aber genau das gleiche Recht hätten, sich transnational zu vernetzen. „Will das öffentlich-rechtliche Fernsehen die Zensurinstanz der europäischen Plattform sein? Wer moderiert und wer macht den Diskurs transparent? Wer organisiert diese Diskussion?“ Pfetsch kritisierte, dass Hilljes Konzept dazu keine überzeugenden Antworten liefere.

Sprache als kritischer Punkt

Als Innovationsmanager der ARD erweiterte Jonas Bedford-Strohm den Diskurs um praktische Einblicke in Projekte des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Aus seiner Sicht spiele die eigene Sprache beim Umgang mit Debatten eine entscheidende Rolle. Medien seien vor allem national organisiert, weil sie Inhalte in verschiedenen Sprachen vermittelten. „Ein emotionaler, identitätsgeladener Diskurs über die gemeinsame Zukunft ist nur möglich in der eigenen Sprache, weil nur die das Herz erreichen kann“, so Bedford-Strohm. Deswegen überrasche es nicht, dass Europa dazu tendiere, als rationale interessengeleitete Zweck-Gemeinschaft zu agieren. Sprachbarrieren in den Medien zu überwinden, sei somit eine zentrale Herausforderung.

Ebenso brachte Bedford-Strohm das Argument vor, dass es zwar eine Vernetzung zwischen nationalen Filterblasen gebe, diese aber rein über Eliten laufe. Um den Diskurs zu öffnen, müsse eine erweiterte fluide Netzwerkstruktur entstehen, die neben Eliten auch andere Akteure einschließe. Hier führte Bedford-Strom das Pilotprojekt Newsexchange der EBU an. Das Monitoring-Tool eröffne neue Recherchemöglichkeiten in der journalistischen Arbeit, indem es mithilfe von Algorithmen Artikel aus ganz Europa übersetze und in einen Newsfeed einspeise. Als weitere Flagship-Projekte, die helfen könnten, europäische Sprachbarrieren zu überwinden, nannte Bedford-Strohm die „European Collection” des Senders ARTE, die Europe Talks von DIE ZEIT und die Plattform forum.eu. Die Refinanzierung dieser Projekte sah Bedford-Strohm als größte Herausforderung für die Zukunft.

Den Vorträgen folgte eine rege Diskussion, bei denen die Sprecher*innen aufeinander und auf eingereichte Fragen des Publikums eingingen. So nahm Johannes Hillje Bezug auf die von Barbara Pfetsch vorgebrachten Kritikpunkte und stellte heraus, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk mit dem Konzept der Staatsferne, wie er in Deutschland nach Ende des zweiten Weltkriegs aufgebaut worden sei, ein erfolgreiches Demokratieprojekt sei. Auch das Argument hinsichtlich einer möglichen Zensur sah Hillje nicht als gegeben, da man es im Falle einer Plattform Europa mit unabhängigen Akteuren zu tun hätte.


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