Eine Pandemie der Vorhersage: Zwischen öffentlichem Gesundheitswesen und öffentlicher Sicherheit

Methoden zur Vorhersage zukünftiger Ereignisse werden sowohl im Bereich des öffentlichen Gesundheitswesens als auch im Bereich der öffentlichen Sicherheit häufig eingesetzt. Wie eng die beiden Bereiche miteinander verzahnt sind und welche Folgen das auf die soziale Akzeptanz von Vorhersageinstrumenten hat, das zeigt eine nun veröffentlichte Studie.

Die Verbreitung des Coronavirus hat die Entwicklung neuer Vorhersagemethoden in kurzer Zeit enorm beschleunigt – gelten sie nicht zuletzt als wirkungsvolle Instrumente zur Pandemie-Bekämpfung. In dem Aufsatz „A Pandemic of Prediction: On the Circulation of Contagion Models between Public Health and Public Safety“, erschienen in der Zeitschrift Sociologica, untersucht Weizenbaum-Wissenschaftler Maximilian Heimstädt zusammen mit Simon Egbert (Technische Universität Berlin) und Elena Esposito (Universität Bielefeld) Modelle zur Vorhersage zukünftiger Ereignisse. Die Autor*innen stellen dabei eine enge, über die Jahre gewachsene wechselseitige Beziehung zwischen zwei Gesellschaftsbereichen fest: dem öffentlichen Gesundheitswesen und der öffentlichen Sicherheit. Diese Verbindung, so das Autorenteam, hat maßgeblich Einfluss auf die soziale Akzeptanz von Vorhersageintrumenten wie der Corona-Warn-App.    

Ausgangspunkt ihrer Überlegungen ist, dass sich die Gefahr einer Ansteckung immer von zwei Seiten zeigt: Personen mit einem erhöhtem Ansteckungsrisiko (person-at-risk) sind gleichzeitig auch immer ein Risiko für Dritte (being-a-risk). Diese Dualität, also das Risiko für einen selbst versus das Risiko für andere, findet sich auch in dem öffentlichen Gesundheitswesen und der öffentlichen Sicherheit wieder. Denn das öffentliche Gesundheitswesen kann sich nicht nur darauf beschränken, kranke Menschen zu behandeln, sondern muss auch Maßnahmen treffen, dass gesunde Menschen nicht erkranken. Ebenso kann sich die öffentliche Sicherheit nicht ausschließlich der Überwachung von Kriminellen widmen. Zur Verbrechensverhütung müssen auch Personen beobachtet werden, die (noch) nicht polizeilich auffällig geworden sind, aber dem Risiko ausgesetzt sind, in kriminelle Aktivitäten verstrickt zu werden.

Anhand von drei Beispielen zeigen die Autor*innen, wie Ansteckungsmodelle aus dem Bereich des öffentlichen Gesundheitswesens auf den Bereich der öffentlichen Sicherheit übertragen werden – und vice versa. Als erstes Beispiel führen sie die so genannte Strategic Subjects List an, die im Jahr 2013 von der Polizei in Chicago zur Verbrechensbekämpfung eingeführt wurde. Auf der Liste werden Personen geführt, die besonders gefährdet sind, in ein Verbrechen involviert zu werden – sowohl als Täter als auch als Opfer. Die ihr zugrundeliegende Vorhersagemethode ist aus der Epidemiologie beziehungsweisen dem öffentlichen Gesundheitswesen entlehnt und folgt der Annahmen, dass sich Gewalt wie ein Virus verbreitet.

In der aktuellen Corona-Krise zeigt sich eine umgekehrte Entwicklung, was die Autor*innen am Beispiel des US-amerikanische Datenkonzerns Palantir Technologies veranschaulichen. Das Unternehmen hat in den letzten Jahren zunehmend mit US-amerikanischen Polizeibehörden und Verwaltungen gearbeitet und dadurch Zugriff auf große Datensätze erhalten. Um die Verbreitung des Infektionsgeschehens besser vorhersehen zu können, hat Palantir Regierungen und Gesundheitsbehörden auf der ganzen Welt seine Software kostenlos zur Verfügung gestellt. Damit greifen viele Staaten bei der Bewältigung der Pandemie auf Instrumente zurück, die eigentlich der Aufrechterhaltung der sozialen Ordnung dienen – wie wir es aus der Polizeiarbeit kennen.

Anhand aktueller Diskussionen um die Entwicklung digitaler Lösungen zur Kontaktverfolgen zeigen die Autor*innen, wie die Verflechtung von öffentlichem Gesundheitswesen und öffentlicher Sicherheit eine neue Dimension erhält. Während Anwendungen wie die Corona-Warn-App ursprünglich zur Unterbrechung von Infektionsketten entwickelt wurden, konzentriert sich die Kritik an ihnen jedoch hauptsächlich auf Aspekte des Daten- und Persönlichkeitsschutzes. So wird beispielsweise immer wieder vor einer Zweckentfremdung und möglichen (zukünftigen) Weitergabe der in den Systemen gesammelten Daten an staatliche Instanzen gewarnt. Die Furcht vor staatlicher Kontrolle und polizeilicher Überwachung überschattet damit die medizinische Relevanz solcher Instrumente. Dies schlägt sich auch in der gesellschaftlichen Akzeptanz dieser Technologien nieder. Derzeit haben 50 Regierungen Apps zur Nachverfolgung von Infektionsketten veröffentlicht. Etwa 20 Prozent der weltweiten Bevölkerung hat diese Apps heruntergeladen – zu wenig, um Infektionsketten schnell zu erkennen und effektiv zu unterbrechen.

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