Corona und Arbeit: Ein Rückblick auf das letzte Weizenbaum-Forum

Was folgt auf den Digitalisierungsschub? Dieser Frage gingen die Gäste der neuesten Ausgabe des Weizenbaum-Forums am 13. April 2021 nach.

Die Corona-Pandemie hat die Arbeitswelt in kurzer Zeit grundlegend verändert. Was bedeuten Innovationen wie mobiles Arbeiten langfristig für die Beschäftigten? Welche Beschäftigtengruppen profitieren von diesen Veränderungen? Und welche Gestaltungsoptionen bestehen für Politik und Sozialpartner, um dies zu beeinflussen? Darüber diskutierten am vergangenen Dienstagabend Michael Schönstein (Teamleiter in der Denkfabrik Digitale Arbeitsgesellschaft im Bundesarbeitsministerium für Arbeit und Soziales), Dr. Johanna Wenckebach (wissenschaftliche Direktorin des Hugo Sinzheimer Instituts) und Dr. Florian Butollo (Forschungsgruppenleiter am Weizenbaum-Institut). Moderiert wurde die Online-Veranstaltung von Katharina Berr (wissenschaftliche Mitarbeiterin am Weizenbaum-Institut).

Kurzarbeitergeld und Tarifverträge

Den Gesprächsabend eröffnete Johanna Wenckebach mit einem Vortrag, in dem sie die Perspektiven der Wissenschaft und der Gewerkschaftsarbeit zusammenbrachte. Dabei machte sie deutlich, dass die Arbeitswelt bereits vor der Corona-Pandemie starken Transformationsprozessen unterworfen war. Durch die Pandemie seien diese Prozesse lediglich beschleunigt und verschärft worden. Gleichzeigt sei durch die Pandemie aber auch deutlich geworden, welche Instrumente wirksam seien und wo es weiteren Regulierungsbedarf gebe. Eines dieser wirksamen Instrumente sieht Wenckebach im Kurzarbeitergeld. Dieses habe jedoch nicht verhindern können, dass die Pandemie Ungleichheiten weiter verstärkt habe. Dies sei vor allem in Bezug auf die Geschlechterverhältnisse zu beobachten. So hätten in der Pandemie vor allem Frauen ihre Arbeitszeiten verkürzt, was auch damit zusammenhinge, dass Kinderbetreuung im Lockdown nicht möglich gewesen sei.

Ein weiteres positives Instrument sieht Wenckebach in den Tarifverträgen. Denn dort, wo Tarifverträge gelten, seien die Bedingung der Krise wesentlich besser abgefangen worden. Von der Pandemie profitiert hätten aber vor allem Unternehmen wie Amazon oder auch Lieferdienste, die Tarifverträge und Mitbestimmung ablehnten. Diese Unternehmen passten Wenckebach zufolge nicht in die bisherige arbeitsrechtliche Logik, die von einen Betrieb als einen Arbeitsort ausgehe, an dem Austausch und Solidarität stattfänden. Als positive Begleiterscheinungen des mobilen Arbeitens nannte Wenckebach die neu gewonnene Autonomie und den Zeitgewinn der Beschäftigten ebenso wie die Effekte auf das Klima. Auf der Kehrseite sei vor allem das Phänomen der Entgrenzung zu beobachten. Menschen würden zum Teil aus Dankbarkeit, dass sie von zu Hause arbeiten könnten, viele Überstunden machen. Seitens der Politik werde diese Erwartung explizit formuliert, indem gesagt werde, dass feste Pausen und Ruhezeiten in einer digitalen Arbeitswelt nicht mehr zeitgemäß seien. Wenckebach mahnte an, dass eine Aufhebung dieser Grenzen dazu führe, dass Menschen krank würden.

Ungleichheit als überlagerndes Element

In dem anschließenden Vortrag warf Michael Schönstein einen Blick in die Zukunft des Arbeitsmarktes und stellte drei Thesen zur Diskussion: Der krisenbedingte Digitalisierungsschub, so seine erste These, beinhalte nur wenig Neues. So habe beispielsweise keine nennenswerte Automatisierung des Arbeitsmarktes stattgefunden. Anders sehe es jedoch beim Homeoffice aus. In Höchstzeiten hätten 27 Prozent der Beschäftigten im Homeoffice gearbeitet, ein Privileg, das vor allem Hochqualifizierten zugutegekommen sei. Ein beträchtliches Umsatzwachstum habe auch der E-Commerce-Bereich erfahren. Schönstein zufolge sei diese Gleichzeitigkeit deshalb so interessant, weil sie einen Zusammenhang vermuten lasse: Während die einen zu Hause arbeiteten, lieferten ihnen andere Essen und Einkäufe.

In seiner zweiten These stellte Schönstein die Behauptung auf, dass die Ungleichheit – neben der Gesundheit – das alles überlagernde Element der Krise sei. Die Wirkung der Pandemie sei für verschiedene Erwerbstätige sehr unterschiedlich. Jedoch seien die Dimensionen, entlang derer sich diese Unterschiede gestalteten, altbekannt. Für die wenigen Hochqualifizierten hätte sich in der Krise, abgesehen von der Zunahme der Sorgearbeit, aus der Arbeitsperspektive nur wenig verändert. Beschäftigte hingegen, die mit anderen Menschen viel in Kontakt stünden, seien nicht nur gesundheitlich gefährdeter, sondern tendenziell auch schlechter bezahlt, weniger flexibel und weniger gewerkschaftlich organisiert. Diese Ungleichheiten hätten auch bereits vor der Krise den Arbeitsmarkt geprägt, sie seien aber jetzt besonders sichtbar geworden. Die Krise helfe jedoch dabei, so Schönsteins dritte These, die politische Aufmerksamkeit auf das Thema Ungleichheit zu lenken. So könnten Verhandlungen zur Regulierung von Homeoffice, aber auch zu anderen arbeitsrechtlichen Fragen wie dem Zugang zu sozialer Sicherung von Soloselbstständigen und den Arbeitsbedingungen in der Dienstleistungsbranche angestoßen werden.

Corona als Gesundheits- und Wirtschaftskrise

Im dritten und letzten Vortrag zeigte Florian Butollo auf, dass es sich bei der Corona-Pandemie um die Überlagerung einer Gesundheits- und einer Wirtschaftskrise handele. Beide hätten Effekte darauf, wie Digitalisierungsprozesse stattfinden würden, die durchaus widersprüchlich seien. Die Gesundheitskrise zeichne sich durch eine Verstärkung bestehender Ungleichheiten aus, entlang von Prekarität und tariflicher Sicherung, aber auch entlang der Frage, wie Arbeit im Hinblick auf den Digitalisierungsgrad stattfinde. Deswegen sei es wichtig, so Butollo, eine Debatte über die genauen Bedingungen von Homeoffice zu führen. Die Pandemie hätte in verschiedenen Bereichen zur Improvisation und Entdeckung neuer Möglichkeiten geführt. Zugleich seien die Ambivalenzen der Digitalisierung in all ihren Aspekten spürbar geworden: Auf der positiven Seite seien neue Formen des Kundenkontakts, der Zusammenarbeit und der Interaktion zu beobachten, während es auf der negativen Seite zu einer beschleunigten Rationalisierung, Substitution und Unterminierung von Arbeitsstandards komme.

Die Wirtschaftskrise als Folge der Corona-Pandemie beeinflusst Butollo zufolge die Digitalisierungsprozesse wiederum auf eine andere Weise. So stünden viele Unternehmen aktuell vor der Herausforderung, in die Zukunft investieren zu müssen, während sie gleichzeitig Erträge erwirtschaften müssten. Investitionen in digitale Transformationen ließen sich jedoch häufig erst sehr viel später refinanzieren. Butollo erläuterte, dass sich vor diesem Hintergrund nur schwer prognostizieren lasse, wie sich die Corona-Krise auf die Digitalisierungsprozesse auswirke. Vorstellbar sei in diesem Zusammenhang, dass es zu einer zunehmenden Polarisierung kommen werde zwischen Unternehmen, die über ausreichend Investitionsmittel verfügten, und Unternehmen, die finanziell nicht so gut ausgestattet seien. Gleichzeitig verweist Butollo darauf, dass in der Vergangenheit Wirtschaftskrisen immer wieder den Moment markiert hätten, an dem sich technologische Innovationen durchgesetzt hätten, weil schwächere Unternehmen aus dem Markt gedrängt worden seien.

Den Vorträgen folgte eine angeregte Diskussion, bei der die zugeschalteten Teilnehmer*innen Fragen an das Panel richten konnte.

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