Online-Diskussionen: Wirken Nutzerkommentare mit alternativen Meinungen weniger glaubwürdig?

Eine Weizenbaum-Studie zeigt, dass Leserkommentare, die der journalistischen Darstellung widersprechen, in Online-Diskussionen kritischer gesehen werden.

Wie werden Online-Leserkommentare wahrgenommen, die der Sichtweise der Medien widersprechen? Haben es Nutzer:innen mit alternativen Sichtweisen schwerer, sich an Diskussionen zu beteiligen, weil ihre Kommentare besonders kritisch hinterfragt werden? Die Kommunikationswissenschaftlerin Marlene Kunst der Forschungsgruppe „Digital Citizenship“ des Weizenbaum-Instituts hat untersucht, ob Leser:innen von Kommentarspalten dazu tendieren, die Glaubwürdigkeit und Argumentationsqualität von Kommentaren mit alternativen Meinungen negativer zu bewerten als die von medienkongruenten Kommentaren. Dazu wurde eine Online-Befragung im experimentellen Forschungsdesign mit 166 Teilnehmer:innen durchgeführt.

Kommentarspalten unter Nachrichtenartikeln werden von Leser:innen im Netz häufig genutzt, um der Sichtweise der Medien alternative Meinungen entgegenzustellen. Die Möglichkeit, den Mediendiskurs in diesen Kommunikationsräumen herauszufordern, ist zunächst positiv zu bewerten, da sie einen diverseren „Marktplatz der Ideen“ schaffen. Unterschieden werden muss dabei jedoch zwischen alternativen Meinungen, mit denen unterschiedliche Bewertungen und Interpretationen von Sachverhalten gemeint sind, und alternativen Fakten, die objektiv wahren Tatsachen widersprechen und somit leicht zu widerlegen sind.

Es liegt in der Natur des Menschen in Heuristiken zu denken. Das heißt: Um Informationen zu verarbeiten, versucht er, Sachverhalte und Zusammenhänge zu vereinfachen, kognitive Abkürzungen zu nehmen. Vor diesem Hintergrund ist es unter anderem wahrscheinlich, dass medienkongruente Nutzerkommentare von der Glaubwürdigkeit der Medien (Reputationsheuristik) profitieren, während Nutzerkommentare mit alternativen Meinungen durch sie benachteiligt werden. Diese Tatsache gepaart mit der allgemeinen Sorge, dass sich Fake News, Fehlinformationen und Verschwörungstheorien im Netz rasant verbreiten, legt die Vermutung nahe, dass Leser:innen Nutzerkommentare mit alternativen Meinungen grundsätzlich negativer bewerten als medienkongruente Nutzerkommentare.

Diese Hypothese hat Kunst in einer empirischen Studie mit dem Titel „Assessment of User Comments with ‚Alternative Views‘ as a Function of Media Trust“ untersucht, die nun im Journal of Media Psychology erschienen ist. Die Ergebnisse der Studie zeigten, dass Nutzerkommentare, die alternative Meinungen vertraten, in Online-Diskussionen bezüglich ihrer wahrgenommenen Glaubwürdigkeit und Argumentationsqualität tatsächlich schlechter abschnitten.

Daneben untersuchte Kunst auch, ob Personen mit besonders niedrigem Medienvertrauen grundsätzlich dazu tendieren, alternative Meinungen positiver wahrzunehmen als medienkongruente Meinungen. Diese Annahme konnte jedoch nicht bestätigt werden. Die Ergebnisse zeigten jedoch, dass Teilnehmer:innen mit sehr niedrigem Medienvertrauen, die Glaubwürdigkeit und Argumentationsqualität von Nutzerkommentaren mit alternativen Meinungen ähnlich bewerteten wie die von medienkongruenten Nutzerkommentaren. Die Bewertung von Nutzerkommentaren mit alternativen Meinungen im Vergleich zu medienkongruenten Nutzerkommentaren fiel umso schlechter aus, je höher das Medienvertrauen der Teilnehmer:innen war.

"Die normativen Implikationen dieser Ergebnisse sind ambivalent," erklärt Kunst. "So mag ein hohes Maß an Medienvertrauen Leser:innen davor schützen, unfundierten Meinungen in Nutzerkommentaren auf den Leim zu gehen. Gleichzeitig mag es jedoch auch Nutzer:innen daran hindern, marginalisierte Meinungen in den öffentlichen Diskurs einzubringen."

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