#GenderMatters – Ein Rückblick auf das vierte Weizenbaum-Forum

Wie können wir die Digitalisierung geschlechtergerecht und partnerschaftlich gestalten? Dieser Frage ging die vierte Ausgabe des Weizenbaum-Forums am 12. Januar 2021 nach.

Mit dem Aufbruch in das digitale Zeitalter war die Hoffnung verbunden, die Gesellschaft offener, transparenter und gleicher zu machen. Es zeigt sich jedoch, dass das Netz kein diskriminierungsfreier Raum ist. In einer überwiegend von Männern dominierten und konzipierten digitalen Welt werden bestimmte stereotype Rollenbilder reproduziert und damit Frauen benachteiligt. Wie also kann die Digitalisierung geschlechtergerecht und partnerschaftlich gestalten werden? Dieser Frage widmete sich die vierte Ausgabe des Weizenbaum-Forums. Zu Gast waren die Designforscherin Dr. Bianca Herlo (Weizenbaum-Institut), die Gründerin Elisa Lindinger (SUPERRR Lab) und Professor Stephan Höyng (Katholische Hochschule für Sozialwesen Berlin). Moderiert wurde das Online-Format von Forschungsgruppenleiter Dr. Stefan Ullrich (Weizenbaum-Institut).

Elisa Lindinger, Bianca Herlo und Stephan Höyng diskutierten mit dem Publikum über Genderaspekte der Digitalisierung, moderiert von Stefan Ullrich.

Geschlechterungerechtigkeit in Tech-Anwendungen

Mit welcher Stimme begrüßt Sie Ihr digitales Assistenzsystem? Mit dieser Einstiegsfrage wurde das Publikum auf das Thema des Abends eingestimmt. Dass die Mehrheit der Teilnehmenden angab, bei der Nutzung von Systemen wie Alexa oder Siri mit einer Frauenstimme zu kommunizieren, war für Elisa Lindinger keine Überraschung. Die Problematik der stereotypen Rollenzuweisung sei bei diesen Systemen nichts Neues. Algorithmen träfen Entscheidungen auf der Grundlage des Geschlechts – sei es beim Ausspielen von Werbung oder bei der Durchsicht von Bewerbungsunterlagen im Recruiting-Prozess.

Wenn jedoch weibliche Charakteristika von digitalen Systemen als nachteilig eingestuft werden, entstehen für Frauen auch in anderen Lebensbereichen Nachteile. Lindinger verweist in diesem Zusammenhang darauf, dass die Geschlechtergerechtigkeit im Tech-Bereich nach wie vor in einer Schieflage stecke: „Die gesamte Gesellschaft ist von technischen Anwendungen betroffen, die von einer Gruppe von Menschen gestaltet wurde, die durchaus anders aussieht als der Durchschnitt der Gesellschaft.” Bei der Diskussion um Geschlechtergerechtigkeit gehe es nach Ansicht von Lindinger nicht nur darum, bestehende Narrative hörbar zu machen, sondern auch darum, konkrete politische Forderungen an Tech-Unternehmen zu stellen etwa nach mehr Inklusivität.

Chancen durch Entgrenzung?

Dass es im Bereich von Tech-Anwendungen geschlechtsbezogene Verzerrungseffekte und Vorurteile geben kann, ist eine Erkenntnis, die auch Stephan Höyng im Rahmen seiner Arbeit am dritten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung vielschichtig untersucht hat. Höyng zufolge ist es nicht ausreichend, nur danach zu schauen, welchen Zugang Frauen und Männer zu Technologie haben. Auch die Nutzung technischer Instrumente, deren Gestaltung und der Schutz der Nutzenden müsse vor dem Hintergrund von Genderaspekten betrachtet werden.

Daran anschließend erläuterte Höyng, dass durch die Nutzung digitaler Technologien in der alltäglichen Lebensführung die Grenzen von Privatem und Beruflichem immer weiter aufgehoben werden. Diese Grenzen seien zugleich auch Gendergrenzen: So werde der Bereich des Privaten traditionell eher Frauen zugeschrieben, während der öffentliche Bereich überwiegend von Männern besetzt werde. Doch gerade in dieser Entgrenzung sieht Höyng eine Chance für die Auflösung von Rollenstereotypen. So könnten technische Instrumente beispielsweise dazu beitragen, dass Väter und Mütter gleichermaßen an der Koordinierung von Heimarbeit und Kindererziehung beteiligt sind.

Genderfragen im Bereich Design

Die Designforscherin Bianca Herlo machte zu Beginn ihres Vortrags klar, dass die Weltaneignung durch stark binärgeschlechtliche Realitäten geprägt sei. Als Beispiel führte sie die Spielzeugindustrie an, deren Vermarktungsstrategien sich stark an den Geschlechtern ausrichteten. Diese normativen Auffassungen beschränken sich Herlo zufolge nicht nur auf Produkte, sondern durchziehen alle gesellschaftlichen Bereiche. In ihrer Forschung geht Herlo deshalb von einem erweiterten Designbegriff aus, der vom reinen Produkt losgelöst ist und auch die Gestaltung von Prozessen, Systemen und Infrastrukturen einschließt.

Unter Verweis auf die Autorin Caroline Criado Perez und ihr Buch Invisible Women führte Herlo eine Reihe von Beispielen für den sogenannten Gender Data Gap an. Dieser beschreibt die Tatsache, dass sich die Erhebung wissenschaftlicher Daten überwiegend am Männerkörper bzw. an männlichen Vorstellungen orientiert und die Ergebnisse nicht ohne Weiteres auf Frauen übertragen werden können. Ein prominentes Beispiel stammt aus dem Fahrzeugbau: Die meisten Autos werden mit Hilfe von Crashtest Dummys gebaut, die dem Körperbau eines Durchschnittsmannes entsprechen. Daher sind Autos für Frauen weniger sicher, was sich bei Unfällen auch in einer erhöhten Mortalitätsrate widerspiegelt. Vor diesem Hintergrund fordert Herlo mehr Sichtbarkeit von Frauen: „Frauen werden dann berücksichtigt, wenn sie in der Forschung, in der Politik, in Unternehmen und vielen anderen Bereichen vertreten sind.”

Den Vorträgen folgte eine rege Diskussion, an der sich die knapp 100 zugeschalteten Zuschauer*innen aktiv beteiligen konnten, indem sie live Fragen an die Panelisten*innen stellen konnten.

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