Europas Jugend wünscht sich mehr Selbstbestimmung in einer datengetriebenen Welt

Studie zeigt Sorgen von Jugendlichen über den Einsatz von KI

Wie nehmen junge Menschen in Europa eine zunehmend von Daten bestimmte Welt wahr? In einer gemeinsamen Studie haben das Weizenbaum-Institut und das Goethe-Institut untersucht, welche Einstellungen Jugendliche in Europa gegenüber dem Einsatz von künstlicher Intelligenz (KI) haben. Befragt wurden 3.000 junge Erwachsene im Alter von 18 bis 30 Jahren in Deutschland, Frankreich, Griechenland, Italien, Polen und Schweden. Die Ergebnisse zeigen, dass viele junge Europäer:innen kein umfassendes Wissen darüber haben, wie KI-Anwendungen Daten im Netz sammeln, auswerten und verarbeiten.

KI wird bereits heute in vielen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens eingesetzt. Damit verbunden sind zugleich Hoffnungen und Ängste, Potenziale und Risiken. „Das Ziel unserer Studie war es herauszufinden, wie die Jugend in Europa KI wahrnimmt“, erläutert Emilija Gagrčin, eine der sieben Autor:innen der Studie. „Ob KI in Zukunft so gestaltet wird, dass sie dem gesellschaftlichen Fortschritt dient, ist auch davon abhängig, inwieweit Menschen in der Lage sind, diese Technologien im Hinblick auf ihre sozialen und demokratischen Konsequenzen kritisch zu bewerten. Da junge Menschen sich neue Technologien am schnellsten zu eigen machen, ist es wichtig zu verstehen, wie sich ihre Einstellungen dazu entwickeln.“

Datafizierung und Privatsphäre

Die befragten Jugendlichen gaben an, dass ihnen die zunehmende Datafizierung aller Lebensbereiche Sorge bereitet. Die überwiegende Mehrheit (70 Prozent) fürchtet, dass ihre Daten im Netz missbraucht und unrechtmäßig zwischen Unternehmen weitergegeben werden könnten. Gleichzeitig sind 40 Prozent der Meinung, dass Nutzer:innen wenig Einfluss darauf haben, was mit ihren Daten im Netz geschieht. 63 Prozent sind der Ansicht, dass die Art und Weise, wie soziale Medien Daten erfassen, der Demokratie zumindest teilweise Schaden zufügen kann.

Die Studie zeigt außerdem, dass vielen jungen Menschen nicht bewusst ist, wie Daten im Netz erhoben, verarbeitet und weitergegeben werden. Die Mehrheit der Befragten (57 bzw. 68 Prozent) glaubt, dass Unternehmen keine Informationen über ihre politische Gesinnung oder religiöse Überzeugung haben. „Unsere Befunde unterstreichen, dass junge Menschen die Reichweite moderner Datenerhebungspraktiken unterschätzen“, so die Co-Autorin Nadja Schaetz. „Damit fehlt ihnen auch das Wissen, die Folgen und potenziellen Gefahren der Datafizierung richtig einschätzen zu können.“

Bildung und Arbeit

Den Einsatz von KI-Systemen in der Bildung bewerteten die Jugendlichen überwiegend positiv. Mehr als die Hälfte (60 Prozent) ist der Meinung, dass die Integration von KI in den Unterricht Lernprozesse individualisieren und damit auch optimieren wird. Ein ebenso großer Anteil glaubt, dass Lehrkräfte künftig nicht von einer KI ersetzt werden. Vielmehr wird erwartet, dass die Technologie Lehrkräfte unterstützt und ihnen Hilfestellung gibt.

Junge Erwachsene in Europa erwarten, dass sich die Arbeitswelt aufgrund der fortschreitenden Digitalisierung in den kommenden Jahren wandeln wird. 47 Prozent der Befragten gaben an, dass durch den Einsatz von KI-Systemen Arbeitsplätze verloren gehen werden, lediglich 26 Prozent glauben, dass mithilfe der Technologie neue Arbeitsplätze geschaffen werden. Mit Skepsis begegnen Jugendliche dem Einsatz von KI am Arbeitsplatz: Die Mehrheit (59 Prozent) ist der Ansicht, dass eine digitale Kontrolle des Verhaltens von Beschäftigten zu deren Ausbeutung führt.

Misstrauen gegenüber staatlichen Einrichtungen

Unter jungen Europäer:innen herrscht ein erhebliches Misstrauen gegenüber den staatlichen Institutionen ihrer Länder. Mehr als die Hälfte der Befragten (57 Prozent) äußerte sich besorgt, dass Daten über ihr Online-Verhalten an ihre Regierungen weitergegeben werden könnten. 36 Prozent glauben nicht, dass ihre Regierungen KI zum Wohle der Gesellschaft einsetzen.

Die Autor:innen der Studie fordern von politischen Entscheidungsträger:innen und Pädagog:innen mehr Unterstützung, damit junge Menschen ein umfassendes Verständnis von den Mechanismen und Implikationen von KI-Anwendungen erlangen. Der Rechtwissenschaftler und Co-Autor Niklas Rakowski erklärt: „Um eine verantwortungsvolle und nachhaltige Entwicklung und Nutzung von KI sicherzustellen, müssen wir junge Menschen mit den entsprechenden Fähigkeiten ausstatten, selbstbestimmt mit der Technologie umgehen zu können. Deshalb sollten in schulischen und außerschulischen Bildungsbereichen algorithmische Kompetenzen vermittelt und die kritische Auseinandersetzung mit KI gefördert werden.“  

Die Studie „We and AI – Living in a Datafied World: Experiences & Attitudes of Young Europeans“ wurde vom Goethe-Institut im Rahmen des Projekts „Generation A=Algorithmus“ initiiert (geleitet von Dr. Jeannette Neustadt). Mit dem Projekt geht das Goethe-Institut der Frage nach, wie Künstliche Intelligenz die Gesellschaft heute und in Zukunft beeinflusst. Begleitet wird es von einem europaweitem Expert:innen-Netzwerk, zu dem auch das Weizenbaum-Institut gehört. Die Autor:innen der Studie sind: Emilija Gagrčin, Nadja Schaetz, Niklas Rakowski, Roland Toth, Dr. André Renz, Dr. Gergana Vladova und Prof. Dr. Martin Emmer.

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