Zur Beurteilung der Situation von Schulen in der Pandemie braucht es mehr Open Data

Die Forschungsgruppe "Datenbasierte Geschäftsmodellinnovationen" untersucht in einer explorativen Studie, wie bildungsbezogene offene Daten auf innovative Weise von Apps und Datenvisualisierungen verwendet werden können. Neben Serviceangeboten für Schüler:innen und Eltern geht es dabei auch um die objektive Einschätzung der Situation von Schüler:innen in Zeiten von COVID-19. Dafür gibt es immer noch zu wenig öffentlich zugängliche Daten.

Die Relevanz von Daten wird uns in diesen Tagen einmal mehr verdeutlicht: Fallzahlen, Neuinfektionen oder Reproduktionszahlen sind Datengrundlagen, um evidenzbasierte politische Entscheidungen zu treffen. Die Veröffentlichung staatlich erhobener Daten dieser Art wurde durch die Open Government Initiative der Obama-Administration bekannt, um ein „nie dagewesenes Maß an Offenheit in der Regierung“ zu erzielen. Am Tag der Amtseinführung des darauffolgenden 45. Präsidenten wurde das Open-Government-Programm und der Twitter Account @OpenGov von der Website des Weißen Hauses genommen.

Für eine transparente, partizipatorische und kollaborative Regierung im Sinne von Open Government lohnt es sich weiterhin zu streiten. Gerade im Zuge der COVID-19-Pandemie wird schnell ersichtlich, wer sich auf keine Lobby verlassen kann: Kinder und Jugendliche im Homeschooling. Dies spiegelt sich auch in der Menge von offen zugänglichen Bildungsdaten (Open Education Data) wider, die Institutionen wie Schulen und Universitäten betreffen. Das Europäische Datenportal führt gegenwärtig fast zehntausend bildungsbezogene Datensätze. Bei über einer Million auf dem Datenportal verfügbaren Datensätzen entspricht dies allerdings lediglich einem Anteil von nur einem Prozent.

Stefanie Hecht ist Wirtschaftsingenieurin und promoviert in der Forschungsgruppe „Datenbasierte Geschäftsmodellinnovationen“ des Weizenbaum-Instituts

Kaum ein Datensatz, insbesondere in Deutschland, veranschaulicht beispielsweise die digitale Ausstattung von Schulen. Fahren die Schulen einen Bring-your-own-device-Ansatz oder stellen sie parallel auch Endgeräte für Schüler:innen bereit, die diese nicht ihr privates Eigentum nennen? Wie viele Lizenzen gibt es für E-Learning-Management-Systeme? Und vor allem: Welche Systeme werden in einer oftmals dem Föderalismus geschuldeten heterogenen Lösungslandschaft überhaupt eingesetzt?

Ein Projekt der Forschungsgruppe „Datenbasierte Geschäftsmodellinnovationen“ erforscht, welche Beispiele es für Open Education Data gibt und wie öffentlich zugängliche Bildungsdaten für Serviceangebote und Analysen verwendet werden. Mit Hilfe einer Desk-Research bildungsbezogener Datensätze in europäischen Open-Data-Portalen und Interviews mit Datenbereitsteller:innen in Ministerien und Behörden wird das Themenfeld erkundet.

Erste Interviews mit Beschäftigten der Schulministerien der Bundesländer lassen ein Scheuen und eine Zurückhaltung im Veröffentlichen von Bildungsdaten erahnen. Groß ist bei den Institutionen die Angst davor, dass sich soziodemografische Daten und Bildungsdaten miteinander kombinieren lassen und somit Rückschlüsse auf Wohnquartiere oder einzelne Bevölkerungsgruppen ermöglichen, was immer die Gefahr der Diskriminierung birgt.

Doch immer öfter überraschen auch Graswurzel-Projekte wie zum Beispiel JedeSchule.de. Die von der Open Knowledge Foundation betriebene Informations- und Rechercheplattform will den Zugang zu Schulinformationen erleichtern. JedeSchule.de nutzt Open Education Data insbesondere der Statistischen Landesämter und des Statistischen Bundesamtes. Laut JedeSchulde.de werden im Rahmen des Projekts umfassende Schuldaten erstmals in Deutschland länderübergreifend gesammelt und aufbereitet.

Open Data stehen idealerweise kostenlos zur Verfügung. Die Wiederverwendung ist daher kaum bis selten dokumentiert. Allerdings stellt das Europäische Datenportal eine Bibliothek mit Anwendungsfällen zur Wiederverwendung von Open Data zur Verfügung. Anwendungsfälle aus den Kategorien „Justiz, Gesetze & Öffentliche Sicherheit“ sowie „Regionen & Städte“ befinden sich der Anzahl nach auf den vordersten Plätzen. Lediglich ein Prozent der gelisteten Anwendungsfälle fallen in die Kategorie „Bildung, Kultur & Sport“. Allerdings befinden sich nicht nur Bildungsdaten, die etwas über den Status quo von Schulen und Universitäten aussagen, in dieser Kategorie. 65 Prozent der Daten sind Kulturdaten und vor allem für den Tourismus wichtig. So zählen hierzu etwa hochauflösende Bilddaten von Kunstwerken aus berühmten europäischen Museen wie dem Rijksmuseum in Amsterdam, dem Pergamonmuseum in Berlin oder den Uffizien in Florenz.

Weniger als 14 Prozent der Anwendungsfälle in der Kategorie „Bildung, Kultur & Sport“ beschreiben Daten, die die formale Bildung betreffen. So bietet beispielsweise die irische „School Information Map“ eine kostenlose interaktive Plattform, die Eltern bei der Auswahl einer Schule für ihre Kinder unterstützt. Die School Information Map sammelt Daten von Schulen in ganz Irland, einschließlich ihrer Lage, Kontaktinformationen und den an der Schule angebotenen besonderen Betreuungsangeboten. Noch detaillierter ist das Amsterdamer Angebot „Hoe kies ik een school?“, was so viel heißt wie „Wie wähle ich eine Schule aus?“ Hier finden Eltern Informationen zum Schulentwicklungkonzept oder zur Konfession. Auf weiterführenden Angeboten wie scholenkeuze.nl wird ein wissenschaftlich erhobenes Meinungsbild von Eltern zu allen Grund- und weiterführenden Schulen in den Niederlanden für unterschiedliche Aspekte wie Ausstattung, Kommunikation oder Sicherheit bereitgestellt.

Die britische Mobile-App Coursematch hat ein spannendes Angebot für alle Studieninteressent:innen parat. Mit Hilfe von Tags beschreiben die Nutzer:innen das eigene Leben, Hobbies und Interessen. Auf Basis dieser Angaben schlägt das System passende Studiengänge vor. Auch die Auswahl der Universität wird erleichtert, indem die Nutzer:innen gefragt werden, wie groß diese sein soll und in wie viel Fahrtzeit die Universität von zu Hause entfernt sein darf. Auch hier sind Bewertungen der derzeitigen Studierenden sichtbar.

Vorzeigeprojekte in puncto Wiederverwendung von Open Educational Data sind also vereinzelt vorhanden. Das Sichtbarmachen dieser Angebote ist ein Schritt, um die offene Datenlage zu verbessern und denen eine Lobby zu geben, die sie erwartungsgemäß nicht haben. Aktuell ist dies wichtiger denn je. Um die Ausbreitung von COVID-19 einzudämmen, haben Regierungen in vielen Ländern Bildungseinrichtungen vorübergehend geschlossen. Bestehende Ungleichheiten innerhalb des Bildungssystems und in anderen Aspekten des Lebens wurden so in vielen Regionen verschärft. Zumindest eine Ahnung von diesen Effekten vermittelt ein Ende Juli 2020 hinzugefügter Anwendungsfall auf dem Europäischen Datenportal: eine durch die UNESCO wöchentlich aktualisierte Datenvisualisierung von Schulschließungen.

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