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Maximilian Heimstädt
Dr. Maximilian Heimstädt

Wie Offene Wissenschaft zu mehr Selbstbestimmung beitragen kann

Maximilian Heimstädt leitet seit März 2020 die neu gegründete Forschungsgruppe „Reorganisation von Wissenspraktiken“. Im Gespräch gibt er einen Einblick in sein Forschungsgebiet: Open Science.

Maximilian, am Weizenbaum-Institut forscht du zu neuen Arbeits- und Organisationsformen der Wissenschaft. Welche Veränderungen interessieren dich besonders?

Arbeits- und Organisationsformen unterscheiden sich stark zwischen verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen und Forschungsgemeinschaften. Ich interessiere mich vor allem für Veränderungen, die als Open Science bezeichnet werden. Befürworter von Open Science wünschen sich eine transparentere und partizipativere Wissenschaft. Konkrete Open-Science-Praktiken sind beispielsweise frei zugängliche Publikationen (Open Access), das Teilen von Forschungsdaten (Open Data) oder transparentere Begutachtungsverfahren wissenschaftlicher Zeitschriften (Open Peer Review). Open-Science-Ansätze gibt es in manchen Wissenschaftsbereichen schon recht lange. Aber erst seit wenigen Jahren scheint sich Open Science disziplinübergreifend durchzusetzen. Das finde ich spannend. Ziel unserer neuen Forschungsgruppe ist es, besser zu verstehen, wie es zu diesem Strukturwandel der Wissenschaft kommt, wie Offenheit die Wissensproduktion verändert und welche unerwarteten Nebenfolgen diese neuen Wissenspraktiken haben können.

Was macht für dich offene Wissenschaft aus? Und: Worin siehst du aktuell die größten Herausforderungen für eine offenen Wissenschaft?

Zu Beginn der Open-Science-Bewegung in den frühen 2000ern drehten sich viele der Definitionsversuche um technische Fragen. Beispielsweise welche Lizenzierung eines wissenschaftlichen Artikels nun als wirklich offen gilt und welche nicht. Das kam vor allem daher, dass frühe Open-Science-Aktivistinnen und -Aktivisten von der Open-Source-Software-Bewegung inspiriert wurden. Heute ist Open Science von einem Nischenthema zu einem geflügelten Wort der Wissenschaftspolitik geworden. Offene Wissenschaft scheint vielen eine recht einfache Antwort auf schwierige Probleme zu sein. Innerhalb der Wissenschaft sehen manche Open Science als eine Lösung für Probleme wie die sogenannte Replikationskrise. Außerhalb der Wissenschaft erhofft man sich durch Open Science stärkere Einmischung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in gesellschaftspolitische Debatten. Eine der größten Herausforderungen für die Open-Science-Bewegung sehe ich darin, neue wissenschaftliche Praktiken flächendeckend zu etablieren, ohne dabei über die hohen Erwartungen an das Prinzip Offenheit zu stolpern.

Wie können neue Formen wissenschaftlicher Praxis einen Beitrag zu individueller und gesellschaftlicher Selbstbestimmung leisten?

Offene Wissenschaft und das Ideal der Selbstbestimmung bilden eine interessante Gemengelage: Eine Wissenschaft, die sich der Gesellschaft öffnet, kann Bürgerinnen und Bürgern größere Selbstbestimmung bieten, da diese einen besseren Zugang zu Informationen erhalten. Eine stärkere Orientierung der Gesellschaft an der Meinung wissenschaftlicher Expertise kann jedoch auch als eine Einschränkung von gesellschaftlicher Selbstbestimmung gegenüber der Wissenschaft verstanden werden. Und schließlich stellt der Anspruch, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sich vor allem solchen Fragen widmen, für die ein konkreter gesellschaftlicher Auftrag besteht, die uneingeschränkte Autonomie der wissenschaftlichen Themenwahl in Frage. Ziel unserer Forschungsgruppe ist es, gemeinsam mit den verschiedenen Anspruchsgruppen nach solchen Forschungspraktiken zu suchen, die diese verschiedenen Spannungsfelder navigierbar machen, ohne sie aber völlig auflösen zu wollen.

Wie müsste das Wissenschaftssystem aufgebaut sein, um den Ansprüchen einer offenen Wissenschaft zu genügen?

Ich möchte die Frage gerne umdrehen: Wie können offenere Wissenspraktiken dazu beitragen, Schieflagen des bisherigen Wissenschaftssystems auszugleichen? Ein Thema, das mich besonders umtreibt, sind die Begutachtungsprozesse wissenschaftlicher Zeitschriften. In den letzten Jahren hat sich eine neue Art wissenschaftlicher Zeitschriften etabliert, sogenannte Predatory Journals. Diese Zeitschriften verlangen von Autorinnen und Autoren hohe Beträge für die Veröffentlichung von Artikeln. Anders als bei seriösen Zeitschriften geben Predatory Journals allerdings nur vor, eine wissenschaftliche Begutachtung durchzuführen. Das kann dazu führen, dass diese Zeitschriften für Zwecke des „Sciencewashing“ von dubiosen oder sogar gefährlichen Thesen missbraucht werden. Gegen diese Zeitschriften ist aber nur schwer anzukommen. Eine Möglichkeit sehe ich darin, dass seriöse Zeitschriften ihre Begutachtungsverfahren transparenter gestalten, als Open Peer Review. Predatory Journals könnten bei diesem neuen Standard nicht mitziehen und wären somit leichter zu identifizieren. 

Welche Tipps für eine offene Wissenschaft kannst du anderen Forscherinnen und Forschern geben?

Am leichtesten gelingt der Einstieg in die Welt der offenen Wissenschaft durch soziale Netzwerke – vor allem durch Twitter! Unter Hashtags wie #OpenScience oder #FellowsFreiesWissen berichten Open-Science-Neulinge und -Veteranen regelmäßig über ihre Erfolge und Hindernisse. Diesen Debatten zu folgen, verschafft einem einen guten Überblick über die verschiedenen Open-Science-Praktiken und hilft dabei, andere Open-Science-Befürworterinnen und -Befürwortern aus der eigenen Fachcommunity zu finden.

 

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