Afrikanische Maker gegen COVID-19

Gemeinsam mit Teilnehmer*innen eines digitalen runden Tisches diskutierte die Forschungsgruppe „Kritische Maker-Kultur“ Reaktionen der Open-Science-Bewegung und der Do-it-Yourself-Kultur im Kampf gegen die Corona-Pandemie auf dem afrikanischen Kontinent. Ein Gespräch mit der Forschungsgruppenleiterin Michelle Christensen und dem Research Fellow Gameli Adzaho über diesen digitalen Erfahrungsaustausch in Zusammenarbeit mit Africa Open Science & Hardware und dem Einstein Center Digital Future.

 

Wann hatten Sie in der Forschungsgruppe die Idee, einen digitalen runden Tisch „African Makers Against COVID-19“ zu veranstalten, und was waren Ihre Ziele?

Michelle Christensen: Schon kurz nach dem Ausbruch der Krise sahen wir weltweit eine Fülle von Reaktionen aus der  Maker-Kultur und von Verfechterinnen und Verfechtern offener Technologien. Unser Fellow Gameli Adzaho gehört der Organisation Africa Open Science & Hardware an, einer Plattform, die nachhaltige Entwicklung auf dem afrikanischen Kontinent durch Forschung und Innovation an der Basis voranbringt, und auch er beobachtete eine enorme Resonanz bei afrikanischen Makern. Die Maker-Kultur im Globalen Süden ist einer unserer Forschungsschwerpunkte, deshalb waren wir daran interessiert, Aktivistinnen und Aktivisten verschiedener Wirkungsstätten und Labore zusammenzubringen, um die vielfältigen Reaktionen auf die Krise zu diskutieren und über Möglichkeiten und Herausforderungen der Maker-Szene zu sprechen. Repräsentantinnen und Repräsentanten der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit in Togo und Ghana beteiligten sich ebenfalls an diesem Event, da sie großes Interesse an Maker-Projekten für zum Beispiel die Herstellung von Schutzausrüstung hatten.

Forschungsgruppenleiterin Michelle Christensen (rechts) und Gameli Adzaho organisierten einen digitalen runden Tisch mit der afrikanischen Maker-Szene

Herr Adzaho, Sie engagieren sich in Labs in Ghana und organisieren die Vernetzung sogenannter Makerspaces über Ländergrenzen hinweg. Wie lassen sich westafrikanische Makerspaces beschreiben?

Gameli Adzaho: Etwas einfach selbst in die Hand zu nehmen, war ursprünglich eine Antwort auf die Herausforderungen des Alltags. Weit verbreitet sind beispielsweise Reparaturdienste. Vor allem junge Menschen haben außerdem ein großes Interesse an Technologie, um Unternehmungen zu gründen. Zunehmend nutzen Menschen Technologie nicht mehr nur aus einer geschäftsorientierten Motivation heraus, sondern um alltägliche Probleme zu lösen, wie den Zugang zu Energie oder Umweltproblemen. Die Idee hinter all diesen Maker-Gruppen, Netzwerken und Labs ist, dass es immer wichtiger wird, nicht als Individuen, sondern im Kollektiv tätig zu werden, um diesen Herausforderungen effektiv begegnen zu können. Es gibt eine große Bandbreite solcher kollektiver Initiativen: Von Orten der Innovation, an denen Prototypen entwickelt werden, über Maker-Gruppen, die an Hardware und Do-it-yourself-Projekten arbeiten, Bildungsstätten, die Workshops und Weiterbildung anbieten, bis hin zu Netzwerken, die wie mein Global Lab Network daran interessiert sind, durch angewandte Wissenschaft und Technik zur nachhaltigen Entwicklung beizutragen.

Wie haben Sie die diversen Teilnehmerinnen und Teilnehmer für das Runde-Tisch-Event ausgesucht?

Michelle Christensen
: Mit dem ersten runden Tisch haben wir insbesondere Akteure aus der westafrikanischen Maker-Szene zusammengebracht. Durch unsere Forschungsarbeit haben wir im letzten Jahr viele Initiativen in Ghana und Togo kennengelernt und in Kooperation mit Africa Open Science & Hardware haben wir dieses Netzwerk eingebunden, um unterschiedliche Projekte zu finden, die als Reaktion auf die Pandemie entstanden sind. Durch diese Kontakte war es uns kurzfristig möglich, Sprecherinnen und Sprecher aus Maker-Gruppen in Ghana, Togo, Senegal, Kamerun und Nigeria zusammenzubringen und mehr als vierzig Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus verschiedenen anderen Ländern einzuladen.

Welche Perspektiven konnten während der Veranstaltung aus Reaktionen der Grassroot-Maker-Bewegung auf COVID-19 gewonnen werden?

Gameli Adzaho
: Ich denke, COVID-19 fordert uns auf drei Ebenen unmittelbar heraus: Wie können wir die Ausbreitung der Krankheit verhindern? Wie können wir mehr Menschen auf das Virus testen? Und wie können wir den Betroffenen helfen? Wie überall auf der Welt mangelte es an persönlicher Schutzausrüstung und Testmöglichkeiten, und die medizinischen Dienste waren überlastet, weil Beatmungsgeräte fehlten. Die afrikanischen Maker nutzten das, was ihnen zur Verfügung stand, um diesen Herausforderungen zu begegnen: Werkzeuge, Nähmaschinen, 3D-Drucker und so weiter wurden eingesetzt, um Gesichtsmasken und -schilder, berührungslose Handwaschstationen, Beatmungsgeräte oder Befestigungsbänder herzustellen, die das Tragen von Masken angenehmer machen. An anderen Ideen wie Do-it-yourself-Thermometern oder Schnelldiagnose-Kits wird noch gearbeitet. Bemerkenswert ist, wie viel Kreativität und Anpassungsfähigkeit die Maker-Bewegung zeigt.

Was haben Sie über Kollaborationen und Prozesse gelernt, die mit dieser Art der Produktion von Dingen im Kampf gegen COVID-19 zusammenhängen?

Michelle Christensen: Diese an der Basis entstandenen Orte fungieren oft als Knotenpunkte, in denen verschiedene Sichtweisen zusammenkommen: Da sind Menschen aus der Nachbarschaft, dann junge technikinteressierte Jugendliche, die Ideen und Lösungsansätze verwirklichen wollen, die globale Open-Tech-Gemeinschaft, die Code, Wissen und Ansichten teilt, und oft auch noch der Austausch mit akademischen Institutionen und Forschungseinrichtungen. Im Kontext von COVID-19 sehen wir nun aber auch starke Verbindungen zu politischen Institutionen wachsen – mehrere Regierungen haben schnell das Potenzial dieser Orte und ihrer Projekte für das Handeln in der Krise erkannt.

Gameli Adzaho: Es ist ergreifend zu erleben, welche Aufmerksamkeit der Maker- und Open-Science-Bewegung gerade zuteilwird. In dieser Form gab es das noch nie. Die Gesundheitsministerien sind an einer Zusammenarbeit interessiert, die Medien berichten viel und in den Gemeinden spürt man die Wertschätzung. Die Leute haben begriffen, dass die Maker praktische und sehr nützliche Dinge herstellen, und sie beginnen, auch die Leistungen dieser Orte über die Produkte hinaus zu erkennen: Zum Beispiel, dass sie jungen Menschen die Möglichkeit bieten, ihre Fähigkeiten zu erweitern oder sogar zusätzliches Einkommen zu verdienen.

Von welchen Herausforderungen haben die Initiativen berichtet?

Gameli Adzaho: Die Finanzierung ist natürlich immer eine große Herausforderung, ebenso wie der Zugang zu Materialien und Bauteilen aufgrund unterbrochener Lieferketten. Einige Teilnehmende gaben an, dass sie nur über Universitäten oder andere Institutionen an Werkzeuge oder Material gekommen wären. Andere berichteten von Problemen bei der Ausweitung ihrer Produktionen, um der hohen Nachfrage gerecht zu werden. Mit Masken und Schilden war es meist noch möglich, schnell mehr zu produzieren, doch bei komplexeren Produkten, wie berührungslosen Handwaschstationen oder Beatmungsgeräten, war die Nachfrage der Gemeinden und Gesundheitseinrichtungen viel höher als die hergestellten Produktmengen. Ebenfalls ein Problem, insbesondere bei der Implementierung von Beatmungsgeräten, war, dass oft amtliche Zulassungsverfahren für Produkte fehlen.

Sehen Sie Möglichkeiten, wie die Maker-Bewegung in Westafrika und anderen strukturschwachen Ländern mit niedrigen oder mittleren Einkommen in ihrem Kampf gegen COVID-19 gestärkt werden kann?

Michelle Christensen: Anhand der Diskussionen, die während des runden Tisches stattfanden, konnte man erkennen, wie  wichtig es ist, den Dialog zwischen Initiativen der Maker- und Open-Science-Bewegung noch weiter zu stärken. Der Erfahrungsaustausch über Lösungen und Hindernisse in der Entwicklung von Prototypen, über Organisation und Finanzierung, über Distribution und Validierung und nicht zuletzt über die Haltung und Positionierung der Maker-Gemeinschaft selbst ist von großer Bedeutung. Darüber hinaus müssen diese Akteure mit am Tisch sitzen, wenn es darum geht, zusätzliche politische Programme und Fördermöglichkeiten in diesem Bereich zu entwickeln. Es existiert schon so viel Potenzial – Menschen, die schnell und lokal agieren, während sie gleichzeitig in ein globales offenes Wissensnetzwerk eingebettet sind. In einer Krise wie der Corona-Pandemie kommt ein solcher Bottom-up-Ansatz wirklich allen Parteien zugute.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

 

 

Die Sprecher*innen auf diesem Event waren: Joshua Opoku Agyemang Otoo (IoT Network Hub, Ghana), Dr. Khadidiatou Sall (SN3D-COVID19, Senegal), Ousia Foli-Bebe (Eco- Tec Lab, Togo), Obasegun Ayodele (Vilsquare Makers’ Hub, Nigeria), Nadine Mowoh (Mboalab, Cameroon) und Evans Djangbah (Kumasi Hive, Ghana).

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