Cross-Border-Journalismus fördert Vielfalt der Perspektiven

Weizenbaum-Studien zeigen, wie länderübergreifende journalistische Netzwerke zur Verbreitung kollaborativer Arbeitsmethoden beitragen

Sparzwänge in Redaktionen und wachsende globale Verflechtungen – Journalist:innen stehen vor großen Herausforderungen, wenn es darum geht, mit vorhandenen Ressourcen aufwändige Recherchen zu betreiben. Eine Lösung stellen länderübergreifende Kollaborationen dar, in denen sich Journalist:innen zusammenschließen, um gemeinsam zu recherchieren und zu veröffentlichen. Weizenbaum-Wissenschaftlerin Annett Heft nahm in zwei nun veröffentlichten Studien solche Kollaborationen zwischen Journalist:innen und Medien genauer unter die Lupe. Sie untersuchte zum einen die Beweggründe von Journalist:innen, sich an länderübergreifenden Rechercheteams zu beteiligen. Zum anderen ging sie zusammen mit dem ehemaligen Weizenbaum-Fellow Stefan Baack der Frage nach, wie die Methode der Cross-Border-Kollaboration in den Arbeitsalltag von Redaktionen integriert wird. Die Ergebnisse zeigen, dass insbesondere niedrigschwellig organisierte und flexible Netzwerke die Vielfalt der Perspektiven fördern und zur Verbreitung von kollaborativen Arbeitspraktiken beitragen.

Mit der Enthüllung der Panama Papers löste ein internationales Netzwerk aus 376 Journalist:innen 2016 eine weltweite Debatte über Geldwäsche und Briefkastenfirmen aus. Jenseits solcher institutionalisierten Netzwerke fördern niedrigschwellige Kollaborationen, wie sie die Journalismus-Plattform Hostwriter und die Netzwerk-Konferenz Dataharvest ermöglichen, die grenzüberschreitende journalistische Arbeit. Nicht zuletzt haben digitale Technologien wesentliche Voraussetzungen für solche Kollaborationen geschaffen. Heft nimmt in ihren Studien solche Bottom-up-Netzwerke in den Blick und fragt, warum sich Journalist:innen für eine länderübergreifende Zusammenarbeit entscheiden und welche Vorteile und Herausforderungen sie dabei erleben. Dazu führte sie im Frühjahr 2019 eine Online-Befragung mit 152 Journalist:innen durch.
 
Grenzüberschreitende Kollaborationen verbessern die Qualität des Journalismus

Für 80 Prozent der Befragten war die Verbesserung der Qualität der journalistischen Arbeit ein wichtiger Beweggrund, um an länderübergreifenden Kollaborationen mitzuwirken. „Das spiegelt auch die allgemeine Stimmung unter den Journalist:innen wider. Viele von ihnen sind unzufrieden mit der Ressourcenknappheit in den Redaktionen und den damit verbunden Auswirkungen auf die Qualität des Journalismus“, so Heft. Mehr als die Hälfte gab an, länderübergreifend zu arbeiten, um den Einfluss ihrer journalistischen Arbeit zu verstärken und um ein breiteres Publikum zu erreichen.

Gegenseitige Unterstützung und Vielfalt der Perspektiven

Die größten Vorteile in der länderübergreifenden Zusammenarbeit sehen die Befragten in der gegenseitigen Unterstützung und der Vielfalt der Perspektiven. Als weitere Vorteile werden die gemeinsame Nutzung von Ressourcen sowie die Steigerung der Qualität der journalistischen Arbeit genannt. Als größte Herausforderung sehen die Befragten die länderübergreifende Teamarbeit, allen voran das Fehlen von persönlichen Treffen und die Teilnahme an langen Videokonferenzen.
 
„Bottom-up-Kollaborationen reichen vom kleinen zwischenmenschlichen Austausch bis zur Zusammenarbeit in formalisierten Projekten“, erklärt Heft. „Ungeachtet des Institutionalisierungsgrads fördern Kollaborationen ‚von unten‘ ein Netzwerk aus aufgeschlossenen und multikulturellen Journalist:innen. Sie bieten Medienschaffenden einen niedrigschwelligen Zugang zu transnationalen Kollaborationen und tragen somit auch dazu bei, dass Cross-Border-Methoden allmählich Einzug in den Arbeitsalltag von Redaktionen halten.“

Fallstudie Europe’s Far Right

Zusammen mit dem Kommunikationswissenschaftler Stefan Baack ging Heft in einer Folgestudie einen Schritt weiter und untersuchte die Zusammenarbeit im Rechercheverbund Europe's Far Right. Das Netzwerk aus sieben europäischen Zeitungen hat im Vorfeld der Europawahl 2019 rechtsextreme Parteien und deren Aktivitäten und Strategien untersucht.

Basierend auf Interviews mit sechs Netzwerkmitgliedern aus fünf Ländern stellten die Autor:innen fest, dass die Zusammenarbeit die Recherchekapazitäten der Journalist:innen erweiterte und einen „Dominoeffekt“ auslösen kann: Die Journalist:innen sammelten Erfahrungen und bauten länderübergreifende Verbindungen auf, die es ihnen wiederum ermöglichten, Folgekollaborationen  anzustoßen. „Unsere Ergebnisse zeigen darüber hinaus, dass die an kleinen Netzwerken beteiligten Journalist:innen eine wichtige Vermittlerfunktion einnehmen. Sie treiben die Verbreitung transnationaler journalistischer Arbeitsweisen maßgeblich voran, indem sie sie in ihre Alltagsroutinen integrieren und in ihre Redaktionen einführen“, erläutert Heft.



ZU DEN STUDIEN

Die Studie Transnational Journalism Networks ‘From Below’. Cross-Border Journalistic Collaboration in Individualized Newswork von Annett Heft ist in der Fachzeitschrift Journalism Studies erschienen.

Die Studie „Cross-bordering journalism: How intermediaries of change drive the adoption of new practices von Annett Heft und Stefan Baack ist in der Fachzeitschrift Journalism erschienen. 

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