Wenn Herkunft (k)eine Rolle spielt

Weizenbaum-Studie liefert Erkenntnisse darüber, welchen Einfluss die Herkunftsnennung von Straftäter:innen auf die wahrgenommene Glaubwürdigkeit eines Nachrichtenartikels hat

Spielt es in der Berichterstattung eine Rolle, ob Kriminelle Deutsche oder Ausländer sind? Rechtspopulist:innen werfen den Leitmedien häufig vor, die ausländische Herkunft von Tatverdächtigen aus Gründen der politischen Korrektheit zu verschleiern. Grundsätzlich sind Medien durch den Pressekodex angehalten, die Nationalität nur zu erwähnen, wenn „ein begründetes öffentliches Interesse“ besteht. Um in manchen Publikumssegmenten nicht an Glaubwürdigkeit zu verlieren, entscheiden sich immer mehr Nachrichtenmedien dazu, die Staatsangehörigkeit zu nennen. Die Kommunikationswissenschaftlerin Marlene Kunst ist in einer Studie der Frage nachgegangen, ob die Herkunftserwähnung einen Einfluss auf die wahrgenommene Glaubwürdigkeit eines Nachrichtenartikels hat. Die Ergebnisse zeigen, dass dieser Effekt von den bereits bestehenden sozialen Einstellungen der Nachrichtenkonsument:innen abhängt.

„Es gibt nur sehr wenige empirische Befunde dazu, ob die Nennung der Staatsangehörigkeit von Strafttäter:innen einen Einfluss auf die Glaubwürdigkeitswahrnehmung eines Nachrichtenartikels hat“, erklärt Kunst. „Um dieser Frage nachzugehen, habe ich eine web-basierte experimentelle Studie mit rund 260 Teilnehmer:innen durchgeführt. Den Personen wurden verschiedene Nachrichtenartikel über Verbrechen gezeigt, in denen die Tatverdächtigen entweder als Deutsche oder Ausländer bezeichnet wurden – oder es wurden gar keine Angaben zu ihrer Staatsangehörigkeit gemacht.“ Für die Studie wurden ausländische Staatsangehörigkeiten ausgewählt, die in Deutschland von Stigmatisierung und Vorurteilen betroffenen sind.

Die Befunde zeigen, dass der Einfluss der Herkunftsnennung auf die wahrgenommene Glaubwürdigkeit eines Nachrichtenartikels maßgeblich vom Grad der Fremdenfeindlichkeit der Teilnehmer:innen abhing. So bewerteten Teilnehmer:innen mit fremdenfeindlichen Einstellungen Nachrichtenartikel, in denen Tatverdächtige als ausländische Staatsbürger:innen beschrieben wurden, als besonders glaubwürdig.

Psychologisch lässt sich dieser Effekt durch die Aktivierung chronisch verfügbarer Stereotypen erklären: Menschen neigen dazu, Informationen, die mit den eigenen Einstellungen übereinstimmen, als glaubwürdiger anzusehen als einstellungsinkonsistente Informationen. Der umgekehrte Effekt ließ sich bei Teilnehmer:innen beobachten, bei denen kaum eine fremdenfeindliche Haltung vorlag. Diese bewerteten Nachrichtenartikel, in denen die ausländische Staatsbürgerschaft von Tatverdächtigen erwähnt wurde, tendenziell als weniger glaubwürdig als Nachrichtenartikel mit einem Hinweis auf die deutsche Herkunft beziehungsweise ohne einen Hinweis auf die Herkunft.

Die Studienergebnisse machen deutlich, dass Medien in Bezug auf die Frage, ob die Herkunftsnennung von Tatverdächtigen auf ihre Glaubwürdigkeit einzahlt, nicht allen Rezipient:innen gerecht werden können: Was bei den einen die Glaubwürdigkeit erhöht, führt bei den anderen zwangsläufig zu einem Glaubwürdigkeitsverlust. „Befunde anderer empirischer Studien zeigen darüber hinaus, dass der Hinweis auf die ausländische Staatsangehörigkeit von Straftäter:innen zu einer Stigmatisierung und Stereotypisierung von ethnischen Gruppen beiträgt“, erläutert Kunst. „Die Entscheidung, ob die Nationalität in einem Artikel erwähnt wird oder nicht, bedarf vor diesem Hintergrund stets einer fallbezogenen ethischen Reflektion.“

 


Die Studie „References to nationality in crime reporting: Effects on perceived news credibility and the moderating role of xenophobia“ ist in der Fachzeitschrift Studies in Communication and Media erschienen. Marlene Kunst wurde für diesen Artikel auf der International Communication Association Annual Conference im Mai 2021 mit dem Top Student Paper Award in der Division Political Communication ausgezeichnet.

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