Vom Dorf zur Weltbühne: Die Entgrenzung lokaler Konflikte im digitalen Zeitalter
06.01.2026Seit Januar 2026 leitet die Kommunikationswissenschaftlerin Daniela Stoltenberg eine Emmy-Noether-Forschungsgruppe am Weizenbaum-Institut. Sie untersucht, wie Online-Debatten über lokale Ereignisse verlaufen, wer sie antreibt und welche gesellschaftlichen Folgen dies hat.
Ob das Tesla-Werk in Grünheide oder das Dorf Lützerath: Lokale Ereignisse geraten heute schnell in den Fokus nationaler und internationaler öffentlicher Debatten – verstärkt durch digitale Medien und soziale Plattformen. Die neue DFG-geförderte Forschungsgruppe der Kommunikationswissenschaftlerin Daniela Stoltenberg untersucht, wie solche Prozesse der „Entgrenzung“ entstehen, welche Akteure und Narrative sie prägen und welche Folgen sie für demokratische Öffentlichkeit, gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Menschen vor Ort haben. Im Interview spricht sie über symbolisch aufgeladene Orte, digitale Diskurse und die Frage, wie Politik, Medien und Zivilgesellschaft mit globaler Aufmerksamkeit konstruktiv umgehen können.
Frau Stoltenberg, Sie erforschen, wie lokale Ereignisse in digitalen Räumen zu globalen Kontroversen werden. Welches aktuelle Beispiel zeigt aus Ihrer Sicht besonders eindrücklich, wie schnell und wirkmächtig dieser Prozess heute ist?
Für ein Beispiel dieser Dynamiken müssen wir gar nicht in die Ferne schweifen. Direkt im Berlin-Brandenburger Raum finden wir mit den Debatten um das Tesla-Werk in Grünheide ein eindrückliches Beispiel dafür, wie Globalisierung und Digitalisierung das Lokale mit dem Globalen verflechten. Da werden lokalpolitische Entscheidungen oder aktivistische Handlungen, wie eine Waldbesetzung, schnell zum Objekt nationaler und internationaler Debatten in sozialen Medien und der Presse. Akteure versuchen zu interpretieren, was lokale Zustimmung oder Ablehnung über die Zukunft des Konzerns oder gar über Umweltschutz und industriellen Wandel an sich sagen. Und diese breite Aufmerksamkeit dürfte wiederum eine Rückwirkung darauf haben, wie sich Anwohner:innen, Lokalpolitiker:innen und Aktivist:innen zu ihrem Ort verhalten und auf welche Art sie in öffentliche Diskurse einsteigen.
Was hat Sie dazu bewogen, genau dieses Phänomen systematisch zu untersuchen? Gab es einen Moment oder Befund, der den Ausschlag gegeben hat?
Meine Forschung der letzten Jahre hat sich eigentlich immer um Varianten der Frage gedreht, wie digitale Kommunikation mit materiellen und sozialen Orten und Räumen zusammenhängt. Beispielsweise habe ich in meiner Dissertation die räumliche Verteilung von stadtpolitischen Debatten um Wohnungsmärkte und Infrastrukturen analysiert. In den letzten vier Jahren habe ich dann als Postdoc zur Vernetzung von Umweltprotesten gegen Kohleabbau und Pipelines gearbeitet. Immer wieder ist mir dabei aufgefallen, dass bestimmte Orte zu nationalen oder sogar internationalen Symbolen für ein gesellschaftliches Problem werden, so wie beispielsweise das Dorf Lützerath im rheinländischen Braunkohlerevier durch den populären Slogan „1,5 Grad heißt: Lützerath bleibt!“ zum Symbol für den globalen Umgang mit dem Klimawandel wurde. Gleichzeitig fehlte mir in diesen Projekten die Gelegenheit zu untersuchen, wie solche digitalen Prozesse des „Symbol-Werdens“ funktionieren und vor allem, was das eigentlich mit den Leuten vor Ort macht und welche Rolle sie selbst in den Diskursen spielen.
Welche Folgen haben solche globalisierten digitalen Kontroversen für demokratische Öffentlichkeit, gesellschaftlichen Zusammenhalt und Vertrauen in politische Institutionen?
Diese Art von entgrenzten Debatten verändert fundamental, wie lokale Öffentlichkeiten und Diskurse funktionieren. Traditionell hat die Wissenschaft lokale Öffentlichkeit als einen territorial abgegrenzten Raum verstanden, in dem lokale Akteure vor Ort Themen aushandeln, die für ihre Gemeinschaft wichtig sind. Das funktioniert so im Zeitalter von digitaler Vernetzung und Globalisierung nicht mehr. Forschung und öffentliche Debatten haben sich oft vor allem auf die entstehenden Möglichkeiten des Überwindens von Grenzen und Distanzen konzentriert. Obwohl sich aber lokale Öffentlichkeit sehr verändert, wird sie nicht irrelevant. Menschen verwenden ihr lokales Umfeld nach wie vor, um ihren Platz in der Welt zu verstehen, und viele gesellschaftliche Problemlagen werden im Lokalen konkret und erfahrbar. Orte bleiben also, davon bin ich überzeugt, ein wichtiger Austragungsort von Demokratie und Teilhabe. Gerade deshalb müssen wir besser verstehen, wie ihre Entgrenzung funktioniert und welche Folgen sie hat.
Worin besteht der Kern Ihrer Forschung: Was genau analysieren Sie, wenn Sie von der „Entgrenzung lokaler Ereignisse“ sprechen – Akteure, Narrative, Plattformmechanismen oder gesellschaftliche Reaktionen?
Wir konzentrieren uns insbesondere auf das Zusammenspiel von Akteuren und den Narrativen über gesellschaftliche Problemlagen, die sie relevant machen. Dabei untersuchen wir Orte, die entweder im Kontext von industriellem Wandel und Umweltkonflikten oder im Kontext von Illiberalismus eines Backlash gegen plurale Gesellschaften öffentliche Aufmerksamkeit und Symbolcharakter erlangt haben. Dieses Setting erlaubt es uns zu verstehen, wer im digitalen Diskurs welche Narrative relevant macht. Denkbar wären etwa internationale Akteure, die ein Problem wie Illiberalismus über die besonderen Gegebenheiten und kulturellen Bedingungen an einem Ort erklären und sich damit davon distanzieren. Oder umgekehrt auch lokale Akteure, die die Universalität eines Problems betonen und damit Akteure von anderswo für seine Bearbeitung mit in die Verantwortung nehmen. Hier kann man sich ganz verschiedene Dynamiken vorstellen, deren Relevanz wir empirisch nachzeichnen wollen. Da wir sowohl Daten von verschiedenen Social-Media-Plattformen als auch von digitalen Nachrichtenmedien in die Analyse aufnehmen wollen, können wir ebenso verstehen, wie Plattformen diese Prozesse formen und beeinflussen.
Wie gehen Sie methodisch vor, um diese Prozesse vergleichbar und wissenschaftlich belastbar zu erfassen?
Wir arbeiten mit einem sogenannten Mixed-Methods-Design, das heißt, wir verbinden quantitative Analysen großer digitaler Datensätze mit qualitativen Verfahren, die auf ein vertieftes Verstehen lokaler Dynamiken abzielen. Wir werden also mit quantitativen bzw. computergestützten Analysen relevante Akteure und ihre Narrative in digitalen Diskursen über lokale Ereignisse identifizieren und beschreiben. Anschließend werden wir vor Ort Interviews mit Anwohner:innen und lokalen Expert:innen, wie beispielsweise Journalist:innen oder Politiker:innen, führen. Hier zielen wir darauf ab zu verstehen, wie sie mit oft negativer öffentlicher Aufmerksamkeit und dem Symbolstatus ihres Ortes umgehen und wie sie sich selbst in diese Diskurse einschalten. Beide Analyseverfahren sind auf vielfältige Weise verschnitten, beispielsweise indem wir Akteure in den Interviews mit Ausschnitten aus unseren digitalen Daten konfrontieren und sie von ihnen einordnen lassen.
Ihre Forschungsgruppe arbeitet vergleichend mit Deutschland, Polen und dem Vereinigten Königreich. Warum gerade diese drei Länder – und welche Unterschiede oder Gemeinsamkeiten sind für Ihre Fragestellung besonders aufschlussreich?
Die drei Länder unterscheiden sich in ihrer Position in einer politisch und ökonomisch globalisierten und digital vernetzten Welt. Deutschland als größtes EU-Mitglied ist tief im transnationalen politischen und ökonomischen System verwurzelt und hat von dieser Position historisch sehr profitiert. Während das auch für das Vereinigte Königreich gilt, hat dieses in den letzten Jahren mit dem Brexit einen symbolisch bedeutsamen Schritt weg von Vernetzung und hin zu einer territorialen Abgrenzung gegenüber globalen Problemlagen vollzogen. Im Gegensatz dazu hat sich Polen nach dem Fall des Eisernen Vorhangs etwa durch den Beitritt zur NATO und zur EU in Richtung eines Modells westlicher Globalisierung bewegt, wogegen es allerdings auch öffentlichen und politischen Backlash gibt. Der Annahme folgend, dass Globalisierung und digitale Vernetzung wichtige Bedingungen für die Neuordnung lokaler Öffentlichkeiten sind, bieten die Länder also kontrastierende Kontexte. Ebenfalls wichtig war für den Aufbau der Studie, dass sich in all diesen Ländern relevante lokale Fallstudien aus den letzten Jahren identifizieren ließen.
Was sollen die Ergebnisse Ihrer Forschung bewirken: An wen richten sie sich – und wie können Politik, Medien oder Zivilgesellschaft davon profitieren?
Als von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördertes Projekt, hat die Forschungsgruppe im ersten Schritt vor allem das Ziel, sozialwissenschaftliche Grundlagenforschung voranzutreiben. Das heißt, mein Team möchte durch gründliche theoriegeleitete und empirische Forschung verstehen, wie lokale digitale Öffentlichkeiten funktionieren. Hier steht die Entwicklung einer sozialwissenschaftlichen Theorie im Vordergrund, die sich an Wissenschaftler:innen im Bereich digitale Öffentlichkeiten, neue soziale Bewegungen sowie Stadt- und Raumsoziologie richtet. Natürlich sind diese Erkenntnisse aber nicht nur für die wissenschaftliche Gemeinschaft relevant. Lokale Akteure aus Politik, Medien und Zivilgesellschaft sind mit den Veränderungen lokaler Öffentlichkeiten in Folge der Digitalisierung konfrontiert und müssen lernen, mit den entgrenzten Formen öffentlicher Aufmerksamkeit konstruktiv umzugehen. Um unsere Ergebnisse an sie heranzutragen und gemeinsam mit den Stakeholdern einzuordnen, werden wir Transferveranstaltungen mit ihnen durchführen, soweit möglich auch an den Orten unserer Forschung.
Abschließend gefragt: Was sollten wir als Gesellschaft über digitale Kontroversen dringend besser verstehen, um ihnen souveräner begegnen zu können?
Hinter jeder digitalen Aufmerksamkeits- und Empörungswelle stehen immer noch sehr reale Menschen, die in lokale Gemeinschaften, Bedeutungszusammenhänge und Identitäten eingebunden sind. Die Schärfe mit der Kontroversen mitunter ausgetragen werden ist sicher auch dadurch erklärbar, dass eben solche Gemeinschaften und Identitäten im digitalen Raum entgrenzt werden, was schnell wie ein Eingriff oder gar Angriff wirken und den Impuls zu neuen Grenzziehungen auslösen kann. Das Ziel, diese Prozesse besser und empathischer zu verstehen, möchte meine Gruppe in den nächsten Jahren verfolgen.
Zur Person
Daniela Stoltenberg promovierte in Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an der Freien Universität Berlin, an der sie zuvor ebenfalls Kommunikationswissenschaft und Politikwissenschaft studiert hat. Ihre unter dem Titel „The Spaces of Public Issues: How Social Media Discourses Shape Public Imaginations of Issue Spatiality” (Routledge, 2024) erschienene Dissertation wurde mit dem Dissertationspreis der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft (DGPuK) ausgezeichnet.
Das Emmy Noether-Programm
Die DFG eröffnet damit herausragenden Wissenschaftler:innen in frühen Karrierephasen die Möglichkeit, sich durch die eigenverantwortliche Leitung einer Nachwuchsgruppe über einen Zeitraum von sechs Jahren für eine Professur zu qualifizieren. Mit der Förderung wird Dr. Daniela Stoltenberg ihre Forschungsgruppe, empirische Untersuchungen und die Präsentation von Ergebnissen auf internationalen Konferenzen finanzieren.