AI Impact Summit: Was Delhi über KI-Weltpolitik verrät
03.03.2026Im Februar traf sich die KI-Elite in Indien zum AI Impact Summit – erstmals in einem Land der globalen Mehrheitsgesellschaft. Es war ein Gipfel voller Widersprüche. Quentin Bukold war als Fellow des Bundesministeriums für Digitalisierung und Staatsmodernisierung vor Ort.
Vom 16. bis zum 20. Februar fand in Neu-Delhi der AI Impact Summit statt. Die größte KI-Konferenz der Welt war zum ersten Mal in einem Land der globalen Mehrheitsgesellschaft. Viele bekannte Gesichter waren dort: Yoshua Bengio, Staatschefs wie Macron und Lula da Silva – und mit Sam Altman und Dario Amodei sogar die beiden mächtigsten Männer der KI-Industrie gleichzeitig auf einer Bühne. Dass sie sich dabei weigerten, ihre Hände zu halten, war symptomatisch für einen Gipfel, dessen Leerstellen genauso viel verrieten wie seine Debatten. China zum Beispiel, die zweitgrößte KI-Macht der Welt, fehlte fast vollständig. Doch wie kann es sein, dass dieser große KI-Gipfel ohne China stattfand? Und was verspricht sich Indien von KI? Immerhin ist es ein Land mit wenig Rechenzentren, aber einem Überschuss an Arbeitskräften, von dem andere Länder nur träumen können.
„AI stands for ALL INCLUSIVE“ – Wer letzten Monat in Delhi war, konnte dieses Plakat mit dem Gesicht von Premierminister Narendra Modi kaum übersehen. Zahllose davon hingen über die ganze Stadt verteilt, besonders rund um das Konferenzgelände. Dass es ein Summit für alle sein sollte, wurde auch an den Besuchszahlen deutlich: Etwa 300.000 Menschen nahmen teil, viele davon indische Studierende. Die Straßen waren dementsprechend voll – selbst in den Augen der Locals.
Dass der Slogan viele Lesarten hat, wurde auf dem Summit schnell klar. Für viele Länder der globalen Mehrheitsgesellschaft steht er dafür, Teil des Diskurses um KI zu sein – und nicht länger ausgeschlossen zu werden von den Großmächten. Für viele Inder:innen ist er Ausdruck des Optimismus, den man überall in Delhi spürt: Indien wird durch Technologie groß, und das Aufstiegsversprechen wird greifbarer. Für viele Unternehmen scheint er dagegen vor allem eine willkommene Abkehr vom Fokus auf sichere und verantwortungsbewusste KI-Entwicklung zu sein.
Europe brings structure, India brings scale
Diese Abkehr von Sicherheitsdebatten ist durchaus gewollt. Indien will zum weltweit größten Anwender von KI werden und setzt dabei auf minimale Regulierung. Wer nach Delhi fährt und mit Inder:innen über künstliche Intelligenz spricht, wird von einem Wort kaum loskommen: leapfrogging. Dahinter verbirgt sich die Idee, dass Länder der globalen Mehrheitsgesellschaft durch technologische Sprünge Entwicklungsstufen überspringen können. „AI can give us the leap frog“, erklärte Rudra Chaudhuri, Direktor von Carnegie India, in einem Gespräch am Rande des Summits.
In diesem Rahmen dominiert das Narrativ einer überregulierenden EU, der ein pragmatisches Indien gegenübersteht, das Dinge einfach macht. Positiv gerahmt klingt das so: „Europe brings structure, India brings scale.“ Dagegen halten unter anderem Forschende und EU-Vertreter:innen wie Henna Virkkunen, Yoshua Bengio und Seán Ó hÉigeartaigh, die in einer gemeinsamen Session den scheinbaren Widerspruch von Innovation und Regulierung zu entkräften versuchten. In einer Welt, in der KI-Unternehmen unter einem starken Druck durch Konkurrenz und Geopolitik stehen, brauche es um so mehr staatliche Aufsicht und Regulierung.
Digitale Souveränität
Leider ließ der Summit neben Wirtschaft und Regierungen wenig Raum für Zivilgesellschaft und Forscher:innen. Buzzwords waren digitale Souveränität (sovereignty) und öffentliche digitale Infrastrukturen (digital public infrastructure, DPI) – passend zur nationalen Strategie Indiens. Mit Aadhaar, dem nationalen Identifikationssystem, und dem Unified Payments Interface hat das Land eine beeindruckende digitale Infrastruktur aufgebaut. Und das Land exportiert dieses Modell aktiv in andere Länder – nicht als fertige Lösung, sondern als offenen Kern, den Partnerländer selbst weiterentwickeln können. Für viele dieser Länder wird Indien durch den starken Akzent auf Open-Source-Lösungen ein attraktiverer Partner als das Silicon Valley – auch für Deutschland.
Aber DPI ist nicht gleich KI, und auf dem Summit schien häufig eine grundsätzlichere Debatte über digitale Unabhängigkeit zu dominieren. Dabei gäbe es – gerade aus einer globalen Perspektive - noch andere wichtige Themen zu diskutieren: Nur etwa 10 Prozent der Rechenzentren weltweit befinden sich in Ländern der globalen Mehrheitsgesellschaft. Die Infrastruktur, auf der KI läuft, ist also stark ungleich verteilt. Oben in der Lieferkette dominieren die USA, unten, bei den Rohstoffen, China. Indien liegt dazwischen und versucht, Kapazitäten aufzubauen. Wie schnell das gelingt, ist offen.
Wo war China?
Bemerkenswert war in diesem Zusammenhang auch die Abwesenheit Chinas - nicht nur physisch auf dem Summit, sondern als blinder Fleck in vielen Debatten. Die USA hingegen waren vertreten, wenn auch vor allem durch wirtschaftliche Akteure. Von diesen wurde am Anfang der Redebeiträge meist erst einmal die US-Administration gelobt. Im Gespräch mit der Deutschen Botschaft in Delhi wurde aber deutlich, wie sehr China Indiens außenpolitisches und digitalpolitisches Denken prägt. Indiens Antwort ist schon länger konsequentes Multi-Alignment: strategische Partnerschaften nach allen Seiten, ohne feste Bindung. Auch die Zusammenarbeit mit Russland lässt sich auf die Chinapolitik zurückführen, man fürchtet bei Abbruch der Beziehungen eine sino-russische Achse. Im Hinblick auf die USA habe man den gleichen Schock erlebt wie die Europäer:innen, das habe den seit 2007 laufenden Verhandlungen um ein EU-Indien-Freihandelsabkommen die notwendige Dringlichkeit gegeben.
Beeindruckt hat am Summit der Optimismus für den Einsatz von KI. Die Energie der Stadt, die Offenheit der Menschen, die Geschwindigkeit, mit der Ideen hier in die Praxis umgesetzt werden. Das ist schwer zu beschreiben, wenn man es nicht erlebt hat. Viele Europäer:innen, die hier waren, teilen diesen Eindruck: Indien ist ein enthusiastischer Partner für Wirtschaft und anwendungsorientierte Forschung. Aber ob KI wirklich für alle inklusiv wird, hängt davon ab, wer die Regeln schreibt und wer dabei mit am Tisch sitzt. „AI stands for ALL INCLUSIVE“ – nur eben ohne China. Dass die zweitgrößte KI-Macht der Welt in Delhi kaum vorkam, sagt vielleicht mehr über den Zustand globaler KI-Governance aus, als alle Panels des AI Impact Summit zusammen.
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Quentin Bukold, Mitarbeiter der Weizenbaum-Forschungsgruppe „Dynamiken digitaler Nachrichtenvermittlung”, war beim AI Summit in Neu-Delhi vor Ort. Im Rahmen seines Fellowships Internationale Digitalpolitik des Bundesministeriums für Digitales und Staatsmodernisierung begleitete er die deutsche Delegation und traf am Rande des Summits auf Entscheidungsträger:innen wie Digitalminister Karsten Wildberger, Chengetai Masango (Head of the IGF Secretariat) und Clas Neumann (SVP SAP). Einblicke aus indischer Perspektive erhielt er unter anderem vom Youth-IGF India und von Carnegie India.
Für die Gespräche, Perspektiven und ihre Zeit dankt der Autor herzlich: Karsten Wildberger, Marlene Straub und Marco-Alexander Breit (BMDS), Bärbel Kofler (BMZ), Rudra Chaudhuri (Carnegie India), Tim Davies (Connected by Data), Sebastian Bosse (Fraunhofer HHI), Chengetai Masango (Internet Governance Forum), Jessica Bither (Robert Bosch Stiftung), Clas Neumann (SAP), den Vertreter:innen von Youth-IGF India, den Organisator:innen der GIZ und vielen anderen.