1,35 Millionen Euro für Antisemitismusforschung auf Youtube: Weizenbaum-Institut leitet zentrales Teilprojekt
03/11/2026Großer Erfolg für das Weizenbaum-Institut: Im Verbundforschungsprojekt DAYVid („Decoding Antisemitism in YouTube Videos“) übernimmt das Institut eine zentrale Rolle bei der Untersuchung antisemitischer Kommunikation auf der Plattform YouTube.
DAYVid ist ein gemeinsames Projekt der Universität Trier, des Tikvah Instituts und des Weizenbaum-Instituts.“ Das auf drei Jahre angelegte Projekt wird vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) mit rund 1,35 Millionen Euro gefördert.
YouTube ist für Jugendliche und junge Erwachsene zu einer der wichtigsten Informations- und Unterhaltungsplattformen geworden: 81 Prozent der Jugendlichen in Deutschland nutzen den Dienst regelmäßig, etwa ein Drittel informiert sich dort über weltpolitische Ereignisse. Gleichzeitig gilt die Plattform als bedeutender Verbreitungsort antisemitischer Inhalte im digitalen Raum. Wissenschaftlich fundierte Methoden, um diese plattformspezifischen Kommunikationsformen – etwa lange Videoformate, Kommentarsektionen oder Empfehlungsalgorithmen – systematisch zu analysieren, fehlen bislang.
Hier setzt das Forschungsprojekt DAYVid an. Gemeinsam mit der Initiative Interdisziplinäre Antisemitismusforschung an der Universität Trier und dem Tikvah Institut entwickeln die Forschenden erstmals eine interdisziplinäre Methodik zur Analyse antisemitischer Kommunikation auf YouTube. Untersucht werden rechtsextreme, linksextreme und islamistische Milieus sowie populäre Infotainment- und Erklärvideos zum Nahostkonflikt.
Innerhalb des Verbunds leitet das Weizenbaum-Institut das Teilprojekt DECORA (Decoding Online Right-Wing Antisemitism). Dieses analysiert vergleichend antisemitische Kommunikationsstrategien in rechtsextremen und neurechten YouTube-Kontexten – darunter englischsprachige Inhalte der Alt-Right-Bewegung und deutschsprachige Videos aus dem Umfeld der Neuen Rechten. Im Fokus stehen verbale, visuelle und multimodale Kommunikationsstrategien, etwa codierte Sprache, implizite Narrative oder Formen israelbezogenen Antisemitismus.
„YouTube ist ein zentraler Ort politischer Kommunikation, gerade für junge Menschen. Gleichzeitig werden antisemitische Inhalte dort häufig subtil codiert und über Sprache, Bilder und Plattformmechanismen vermittelt. Um diese Dynamiken zu verstehen, müssen wir genau diese Ebenen gemeinsam analysieren“, sagt Matthias J. Becker, Projektleiter von DECORA am Weizenbaum-Institut.
Das Teilprojekt baut auf dem von Becker entwickelten Decoding-Antisemitism-Ansatz auf, der qualitative Diskursanalyse mit KI-gestützten Verfahren verbindet und bereits ein umfangreiches internationales Forschungskorpus mit Hunderttausenden annotierten Online-Kommentaren hervorgebracht hat. Im Rahmen von DAYVid wird dieser Ansatz nun erstmals systematisch auf Videoformate und ihre Kommunikationsdynamiken auf YouTube ausgeweitet.
Zur Person
Dr. Matthias J. Becker Projektleiter DECORA, Weizenbaum-Institut
Dr. Matthias J. Becker ist Linguist mit den Schwerpunkten Pragmatik, kognitive Linguistik und Diskursanalyse. Er ist AddressHate Research Scholar am Center for the Study of Antisemitism der New York University (NYU), Postdoctoral Researcher am Woolf Institute der University of Cambridge und Editor-in-Chief der Digital Hate Review. Seit 2020 leitet er das Decoding Antisemitism-Team, das Antisemitismus in digitalen Räumen mit Mixed-Methods-Ansätzen untersucht – qualitative Diskursanalyse kombiniert mit KI-gestützter Erkennung. Das von ihm aufgebaute multilinguale Korpus mit über 300.000 annotierten Kommentaren hat international methodische Maßstäbe gesetzt. Derzeit baut er mit Decoding Hate ein Folgeprojekt auf, das verschiedene Hassideologien kontrastiv untersucht.