Wissenschaftskommunikation – warum sie unverzichtbar ist

28.01.2026

In seiner Distinguished Lecture „Public Science Communication in the Networked Society“ analysiert Prof. Dr. Mike S. Schäfer, wie Plattformökonomie, Fragmentierung und KI Macht, Glaubwürdigkeit und Vertrauen in die Wissenschaft verändern – und welche Konsequenzen dies für Vertrauen und die Zukunft der Wissenschaftskommunikation hat. Wir haben mit ihm darüber gesprochen.

Mike Schäfer ist Professor für Wissenschaftskommunikation, Direktor des Center for Higher Education and Science Studies (CHESS) an der Universität Zürich und vom 19.1.-6.2.2026 Distinguished Fellow am Weizenbaum-Institut. Er zählt international zu den profiliertesten Forschern im Bereich der öffentlichen Wissenschaftskommunikation und untersucht, wie Wissenschaft, Medien, Politik und Öffentlichkeit in digital vernetzten Gesellschaften miteinander interagieren. Seine Forschungsschwerpunkte liegen auf dem digitalen Strukturwandel der Öffentlichkeiten, Plattformdynamiken sowie gesellschaftlichen Debatten zu Künstlicher Intelligenz und Klimawandel.
 


Zur Distinguished Lecture „Public Science Communication in the Networked Society“ am 5.2.2026 um 18:30 Uhr können Sie sich hier anmelden. Die Veranstaltung findet in englischer Sprache statt.



Fragen an Mike Schäfer

In Ihrer Lecture geht es um Wissenschaftskommunikation als Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit. Wann haben Sie zuletzt gedacht: ‚Hier liegt das Problem weniger in der Wissenschaft selbst als in ihrer Kommunikation‘?

Das denke ich natürlich jedes Mal, wenn meine Forschung öffentlich falsch wiedergegeben wird. Wenn auch vielleicht nicht immer mit Recht.  

Im Ernst: Natürlich gibt es auch Probleme in der Wissenschaft, die man völlig berechtigt kritisch sieht – Publikationsdruck, Replikationskrise, Hypes, Interessenkonflikte. Aber gerade bei KI oder Klimawandel liegt das Kommunikationsproblem oft woanders: Wissenschaftliche Unsicherheit oder Kontroversen wirken in der Debatte schnell wie „Dann ist ja alles umstritten“. Dabei ist Wissenschaft selten schwarz-weiß – und Kommunikation sollte diesen Eindruck nicht verstärken.

Wissenschaftskommunikation ist heute keine Nebenaufgabe mehr, sondern zentral für den Austausch zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Was macht sie in der digital vernetzten Öffentlichkeit besonders fragil – und warum ist sie zugleich unverzichtbar für gesellschaftliche Entscheidungsprozesse?

Fragil ist Wissenschaft vor allem, weil sie heute in einem medialen, digitalen Ökosystem stattfindet, das nicht für Erkenntnis, sondern für Aufmerksamkeit optimiert ist. Social Media-Plattformen z.B. belohnen tendenziell Tempo, Zuspitzung und Emotionalität. Wissenschaft funktioniert aber oft anders: langsam, überprüfend, mit Einschränkungen, «einerseits-andererseits» und «da muss man differenzieren».

Und genau deswegen ist Wissenschaftskommunikation unverzichtbar. Einerseits, weil wir ohne sie gesellschaftlich nicht handlungsfähig bleiben – bei Gesundheit, Klima, Energie oder digitaler Regulierung braucht es wissenschaftliche Expertise für individuelle Entscheidungen, organisationale Praxis oder politische Weichenstellungen. Andererseits muss auch Wissenschaft offen bleiben für Fragen, Bedürfnisse – manchmal auch Sorgen – der Bevölkerung. Um relevant zu bleiben. Und auch um ihre gesellschaftliche Legitimation zu erhalten.

In der vernetzten Medienlandschaft konkurrieren Wissenschaftler:innen, Journalist:innen, Influencer:innen, Bürger:innen und zunehmend auch KI-Systeme um Aufmerksamkeit. Was bedeutet diese Verschiebung für die Glaubwürdigkeit und Autorität von Wissenschaft? Wer wird gehört – und wer verliert an Sichtbarkeit?

Diese Entwicklung hat ja auch Vorteile: Mehr Stimmen werden sichtbar, mehr Perspektiven kommen in die Debatte. Aber klar: Sichtbarkeit verteilt sich nicht automatisch nach Expertise, und das kann herausfordernd sein. Epistemische Autorität ist heute weniger ein Status, den Wissenschaft oder Expert:innen einfach haben. Sie wird stärker performativ. Und sie entsteht auch darüber, welche Aussagen zirkulieren, aufgegriffen werden, als relevant gelten. Und Gatekeeping und Kuratierung dieser Prozesse haben sich verschoben: von Medien-Redaktionen zu Plattformlogiken und zunehmend KI-Systemen, die vorsortieren und zusammenfassen. Das verändert die Spielregeln.

Vertrauen gilt als zentrale Währung der Wissenschaft. Reicht gute Wissenschaftskommunikation aus, um Vertrauen langfristig zu sichern – oder braucht es darüber hinaus andere Veränderungen Wissenschaftssystem?

Vertrauen ist so etwas wie das soziale Kapital der Wissenschaft. Es ist keine blinde Zustimmung, sondern eine Beziehung: Menschen vertrauen, wenn sie Kompetenz, Transparenz und Gemeinwohlorientierung erwarten von Personen oder Institutionen, die sie nicht völlig durchblicken oder kontrollieren können. Da ist Wissenschaft als expert system ein Paradebeispiel.

Gute Wissenschaftskommunikation kann helfen, Vertrauen aufzubauen, aber sie ist nicht die ganze Lösung und kein Allheilmittel. Oder zugespitzt: Vertrauen ist keine reine PR-Frage. Institutionen müssen auch zeigen, dass sie zuverlässig arbeiten, Fehler korrigieren können und ehrlich mit Unsicherheiten umgehen. Das Fundament muss also stehen.

Sie beschäftigen sich mit der Rolle generativer KI in der Wissenschaftskommunikation. Verändert KI vor allem die Werkzeuge der Kommunikation – oder rekonstruiert sie das gesamte Kommunikationsökosystem, inklusive Macht- und Autoritätsverhältnissen?

Sie verändert beides. Kurzfristig ist KI ein Werkzeug: Texte schreiben, übersetzen, visualisieren, erklären. Das kann Kommunikation effizienter machen und teilweise auch inklusiver.

Langfristig geht es aber um mehr, und das finde ich auch analytisch interessanter: KI wird zur epistemischen Infrastruktur. Sie beeinflusst, was als Antwort, als relevant, manchmal sogar als Konsens erscheint. Damit kommt ein neuer Intermediär ins System, der Inhalte aggregiert, kuratiert und anbietet – und dabei auf Trainingsdaten, -prozesse und zugrunde liegende Werte zurückgreift, die oft intransparent sind. Und das berührt Macht- und Autoritätsverhältnisse ganz direkt.

Mit Blick nach vorn: Was sollten Forschungseinrichtungen und Wissenschaftskommunikator:innen heute konkret tun, um auch in zehn Jahren noch als glaubwürdige Akteure im öffentlichen Diskurs wahrgenommen zu werden?

Da gibt’s gute Handreichungen, etwa von den europäischen COALESCE- oder POIESIS-Projekten, von grossen Wissenschaftsgesellschaften und Akademien. Ich nenne mal drei Dinge, ohne Anspruch auf Vollständigkeit: Erstens, Grenzen des Wissens und Verifikation sichtbar machen, also Quellen, Stand der Evidenz, Unsicherheiten und Grenzen klar kommunizieren. Zweitens, Infrastrukturkompetenz aufbauen – also nicht nur Content planen, sondern auch Plattformlogiken und KI-Gatekeeping mitdenken. Und drittens, Zielgruppen spezifisch adressieren: Es gibt nicht die Öffentlichkeit, sondern unterschiedliche Segmente, und es wichtig, nicht nur mit denen zu kommunizieren, die Wissenschaft sowieso schon gut finden. Gerade die große Mittelgruppe der passiven Unterstützer:innen ist wichtig – sie trägt Wissenschaft oft still mit, und diese Unterstützung sollte man pflegen.

Forschung und Praxis der Wissenschaftskommunikation entwickeln sich dynamisch, arbeiten jedoch häufig noch nebeneinander. Wie lässt sich diese Kluft besser überbrücken – und welche neuen Formate oder Anreizstrukturen braucht es für einen Austausch auf Augenhöhe?

Die Kluft ist strukturell unterfüttert: Forschung läuft langsam und wird für Publikationen belohnt, Praxis läuft schnell und wird für Umsetzung und Wirkung unter Zeitdruck bewertet. Was hilft, sind gemeinsame Räume, in denen beide Seiten zusammenkommen, reflektieren und zusammenarbeiten – also nicht nur Transfer in eine Richtung. Fellowships, gemeinsame Labs, Co-Design-Projekte, „embedded researchers“ in Kommunikationsabteilungen bringen da was. Und ja: Dafür braucht es Anreize. Wenn Kooperation mit Praxis auch für Forschende als legitime Leistung zählt, passiert auch mehr.

Vielen Dank für das Gespräch!