Daniela Stoltenberg unter den 100 wichtigsten Köpfen der Berliner Wissenschaft
10/05/2026Der Tagesspiegel hat Daniela Stoltenberg als eine der 100 wichtigsten Köpfe der Berliner Wissenschaft ausgezeichnet. Die Kommunikationswissenschaftlerin leitet seit Anfang 2026 die Emmy-Noether-Nachwuchsgruppe „Lokale digitale Öffentlichkeiten" am Weizenbaum-Institut. Im Kurzinterview erklärt sie, wie globale Konflikte an lokalen Orten sichtbar werden, wie diese Orte digital internationale Aufmerksamkeit erlangen und welche Chancen und Risiken das für die demokratische Öffentlichkeit hat.
Die Auszeichnung des Tagesspiegel würdigt dein Forschungsfeld. Was macht die Erforschung lokaler digitaler Öffentlichkeiten gerade jetzt so relevant?
Natürlich habe ich mich über die Anerkennung außerordentlich gefreut. Ehrlicherweise war ich aber auch ein bisschen überrascht. Die Erforschung digitaler Öffentlichkeiten ist ein großes und dynamisches Forschungsfeld, das aber in den letzten Jahren vor allem den Blick auf geografische Ausdehnung geworfen hat, also: Wie können digitale Medien räumliche Distanzen und politische und sprachliche Grenzen überwinden? Inwiefern wird Öffentlichkeit im digitalen Zeitalter transnationaler? Das sind wichtige Fragen, mich hat aber schon lange eher die andere Seite der Medaille interessiert; also wie digitale Medien in lokale Orte und „kleine" Formen von Öffentlichkeit hineinwirken und sie verändern. Das scheint mir dichter an den Alltag der meisten Menschen heranzukommen, denn wir sind ja nicht ständig transnational mobil und überall auf der Welt zuhause. Vielmehr bleiben wir in Nachbarschaften, Dörfern oder Städten verwurzelt, und das, was wir dort erleben, prägt unsere Kommunikationsgewohnheiten.
Dazu leitest du seit Anfang 2026 auch die Emmy-Noether-Gruppe „Lokale digitale Öffentlichkeiten". Konkret geht es dabei darum, wie lokale Ereignisse in den Fokus einer nationalen oder sogar internationalen Debatte rücken können – also vom Kleinen doch wieder ins Große. Prominente Beispiele hierfür sind das Tesla-Werk in Grünheide oder das Dorf Lützerath. Was passiert dabei, und warum spielt ein lokaler Ort in einer vernetzten Öffentlichkeit oft noch so eine wichtige Rolle?
Um das zu verstehen, kann man die Vorstellung von vernetzten Gesellschaften des Soziologen Manuel Castells heranziehen. Castells sagt, dass es in der globalisierten, digital vernetzten Welt eigentlich zwei Räume gibt: einen „Space of Flows" und einen „Space of Places". Im Space of Flows verbreiten sich Informationen und auch politische Problemstellungen in hohem Tempo um die ganze Welt. Der „Space of Places" bleibt aber der Lebensort der allermeisten Menschen: Sie sind nicht ständig global mobil, sondern an einen Ort gebunden, der Identität stiftet und in dem sie politische Probleme verstehen und selbst kommunizieren. In der Forschung meiner Gruppe interessieren wir uns für Fälle, in denen die beiden Räume aufeinandertreffen. Globale Problemlagen wie Klimawandel, industrielle Transformation oder illiberale Bewegungen werden an einzelnen Orten greifbar und dort in lokalen Konflikten ausgetragen. Ganz aktuell kann man das beispielsweise an Konflikten um Datenzentren beobachten, in denen sich auch eine Frustration gegenüber der Macht globaler Plattformunternehmen an ganz konkreter, lokaler Infrastruktur entlädt.
Wie gehst du dieser Frage konkret nach, und was lässt sich mit computergestützten Methoden und Mixed-Methods-Designs über politische Debatten vor Ort sichtbar machen, was bisher verborgen blieb?
Wir arbeiten mit einem Fallstudiendesign, für das wir Orte identifiziert haben, die im digitalen Diskurs zu Symbolen für globale Konflikte geworden sind. Das Tesla-Werk in Grünheide beispielsweise wurde ausgesprochen kontrovers diskutiert, weil Tesla mit dem Feld der Elektromobilität einerseits in einem Bereich aktiv ist, in den im Kampf gegen den Klimawandel große Hoffnungen gesetzt werden. Gleichzeitig fällt das Werk im zunehmend dürregeplagten Brandenburg unter anderem durch seinen hohen Wasserverbrauch unangenehm auf.
Um der öffentlichen Kommunikation über solche Konflikte nachzugehen, arbeiten wir mit einer Kombination aus computergestützten Methoden und qualitativer Feldforschung. Das erlaubt uns einerseits den Blick auf das „große Ganze", denn wir können beispielsweise sehen, in welchem Maße lokale oder externe Akteur:innen sich äußern und welche Rolle sie dabei dem Ort Grünheide zuweisen. Andererseits können wir vor Ort mit Menschen sprechen und so verstehen, wie sie selbst diese Form von Kontroverse wahrnehmen und sich darin positionieren. Damit erlauben wir den Blick in den Space of Places, der bisher in der Forschung wenig Aufmerksamkeit bekommen hat.
Erste Analysen zeigen bereits: Lokale Akteur:innen nehmen strategisch Bezug auf die globale Bedeutung ihrer Orte, indem sie beispielsweise in ihrer Opposition gegen Tesla Aspekte wie Wachstumslogiken und nachhaltigen Umgang mit Ressourcen aufgreifen.
Was ist dein Ziel für deine Forschung in den kommenden Jahren, und was können Politik, Medien und Zivilgesellschaft aus den Erkenntnissen über lokale digitale Öffentlichkeiten mitnehmen?
Natürlich steht meine Gruppe aktuell noch am Anfang der Arbeit. Ich hoffe aber, dass wir mit dem Blick auf lokale Orte in vernetzten Öffentlichkeiten einen Beitrag dazu leisten können zu verstehen, inwiefern sich Menschen in diesem Kontext politisch handlungsfähig fühlen und öffentlich Gehör finden. Eine Vermutung ist, dass wenigstens ein Teil der aktuell lauter werdenden Frustration gegenüber demokratischer Öffentlichkeit in genau der Dynamik liegt, dass lokale Perspektiven oft gar nicht oder erst sehr spät öffentlich gehört werden und manchmal mehr über Orte als vor Ort gesprochen wird. So soll meine Forschung auch Impulse jenseits der Wissenschaft geben, die nötigen Infrastrukturen für lokale Kommunikation zu fördern, sei es auf Plattformen oder im Gemeindehaus.
Mehr zur Forschung von Daniela Stoltenberg und ihrer Gruppe „Lokale digitale Öffentlichkeiten".