Lockdown – und wie das Leben digital weiterging: Ein Rückblick auf das erste Weizenbaum-Forum

Die Auftaktveranstaltung zum neuen Format Weizenbaum-Forum mit dem Titel „Lockdown – und wie das Leben digital weiterging“ fand am 13. Oktober 2020 erstmalig als Online-Event statt. Ein Rückblick.

Das Weizenbaum-Forum, bei dem der Ansatz der Multiperspektivität im Mittelpunkt steht, bringt ab Oktober 2020 einmal im Monat drei ausgewählte Expert*innen aus unterschiedlichen Bereichen zusammen. Ziel der Veranstaltung ist es, die gesellschaftlichen Folgen der Digitalisierung aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten und anschließend mit dem Publikum zu diskutieren. Moderiert wurde die erste Ausgabe des Formats von der Journalistin und Moderatorin Teresa Sickert. Eine inhaltliche Einführung gab Prof. Dr. Hanna Krasnova, Direktorin des Weizenbaum-Instituts und Expertin in den Bereichen Social Media und Data Science.

Ein erstes Resümee einer neuen digitalen Realität

Wie hat der plötzliche neue digitale Alltag unsere Gewohnheiten während des Lockdowns und in den Monaten danach verändert? Was hat das Experimentieren mit der digitalen Technologie gebracht? Was sagen empirische Studien über die Folgen? Diesen Fragen sind Thomas Kupferschmitt (ZDF, Medienforschung), Hannes-Vincent Krause (Weizenbaum-Institut) und Prof. Dr. Guido Zurstiege (Universität Tübingen) aus unterschiedlichen Perspektiven in ihren Implusbeiträgen nachgegangen. Knapp 70 Zuhörer*innen waren dem neunzigminütigen Event zugeschaltet. Über die Plattform menti.com konnten sie anonym Fragen an die Sprecher*innen übermitteln und selbst Input liefern.

Mediennutzung in der Krise

Thomas Kupferschmitt, Medienforscher des ZDF, lieferte zu Beginn mit Einblicken in die neuste ARD/ZDF Studie zu Massenkommunikation quantitative Erkenntnisse darüber, wie die gesamte Bevölkerung in puncto Mediennutzung und andere Tätigkeiten auf den Lockdown reagiert hat. Sein Fazit: Im Lockdown verbringen die Menschen nicht nur mehr Zeit zu Hause, sie verbringen auch mehr Freizeit. Das frei verfügbare Zeitbudget der Menschen wird größer und so erfahren Internetanwendungen wie Streamingdienste aber auch traditionelle Medien wie Bücher und das Fernsehen einen Nutzungsschub. Besonders interessant: In Zeiten der Krise steigt bei allen und auch bei jungen Menschen das Bedürfnis nach verlässlichen Informationen. Hier punkten die klassischen Medien, während die sozialen Netzwerke schwächer abschneiden.

Ein zweischneidiges Schwert

Im Anschluss gab Hannes-Vincent Krause, Psychologe und Doktorand am Weizenbaum-Institut, einen Überblick über aktuelle Erkenntnisse aus seiner Forschung zu sozialen Medien, ihren Stellenwert und ihre Risiken in Zeiten des Lockdowns. Um eine Aussage darüber zu treffen, inwieweit digitale und soziale Medien unser Wohlbefinden beeinflussen, muss zwischen verschiedenen Nutzungsmustern differenziert werden, so der Forscher. So bringt passiver Konsum wie endloses Scrollen im Feed Risiken und negative Gefühle wie Neid, Überforderung, Verunsicherung und ein Gefühl der Zeitverschwendung mit sich. Hingegen können sich aktive Nutzungsmuster, wie der aktive Austausch und das Posten von Inhalten, positiv auf unser Befinden auswirken. Diese Interaktionen mit neuen Leuten können Gefühle sozialer Akzeptanz steigern und die von Einsamkeit verringern. Für die User heißt das: Damit die positiven Effekte der Social-Media-Nutzung überwiegen, ist als Ausgangsbasis ein reflektierter, aufgeklärter Umgang mit ihnen unabdingbar.

„Nur weil die digitalen Medien bei allem dabei sind, sind sie nicht an allem Schuld“

Prof. Dr. Guido Zurstiege, Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen, beschreibt in seinem Buch „Taktiken der Entnetzung – Die Sehnsucht nach Stille im digitalen Zeitalter“ das Medienklima unserer Zeit. Dass das digitale Medium nicht Nähe spürbar macht, sondern Distanz, und dass sich Menschen deswegen nach wahren Orten der Begegnung sehnen, ist eine seiner zentralen Thesen. Warum diese These seines Buchs auch in Zeiten des Lockdowns noch immer stimmt, erläuterte er im letzten Vortrag des Abends. Dabei zeigte er auf, wie in einer verschärften Zeit der Zuwendung die negativen Seiten des Internets spürbar werden. Auf die Zuschauerfrage, wie Menschen die „digitale Entwöhnung“ schaffen können, riet er, reale Beziehungen zu verstärken, um digitale Entlastung zu verspüren.

Es folgte ein reger Austausch mit den Zuschauern, auf deren Fragen die Experten eingingen. Einig waren sich die drei Referenten übrigens bei der Frage, über welches Überbleibsel der Krise sie sich freuen würden: flexibles Arbeiten im Homeoffice. „Wir können froh sein über die digitalen Medien, aber wir müssen sie besser verstehen.“ Mit diesem Schlusswort von Moderatorin Theresa Sickert endete die Übertragung, die klar machte, dass der Gesprächsstoff für viele Themenabende des Weizenbaum-Forums auch in Zukunft lange nicht ausgehen wird.

 

Das nächste Weizenbaum-Forum findet am 10.11.2020 zum Thema Haftung und KI statt. 

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