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Carsharing: Individuelle Mobilität gewinnt in der Krise an Bedeutung

In Zeiten von sozialer Distanz wird das Auto zum bevorzugten Fortbewegungsmittel. Doch gilt dies auch für Fahrzeuge, die mit anderen geteilt werden? Aaron Kollek forscht am Weizenbaum-Institut über die ökonomischen Auswirkungen der Sharing Economy und hat untersucht, wie Carsharing-Anbieter durch die Krise kommen. Ein Interview.

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Weizenbaum Insights


Mit der Lockerung weiterer Corona-Schutzmaßnahmen kehren immer mehr Menschen wieder an ihre Arbeitsplätze zurück. Öffentliche Verkehrsmittel wie Busse und Bahnen werden aus hygienischen Gründen gemieden. Unter diesen Vorzeichen sollte man meinen, dass die Nachfrage nach Carsharing-Angeboten ansteigt. Wie schätzt du die gegenwärtige Situation ein, Aaron?

Während der Beschränkungen hatten Carsharing-Anbieter mit sehr starken Umsatzrückgängen zu kämpfen. Im Schnitt beliefen sich diese auf rund 50 Prozent, teilweise bis zu 80 Prozent. Es ist zu erwarten, dass sich die Lage durch die jüngsten Lockerungen etwas entspannt, allerdings liegen dazu noch keine Zahlen vor. Grundsätzlich scheint individuelle Mobilität in der Krise in der Gunst der Pendler zu gewinnen, also zum Beispiel das private Auto oder Fahrrad. Carsharing stellt dabei eine Mischform dar: Zwar kontrollieren die Nutzer mit wem sie in einem Auto sitzen, aber sie können nicht wissen, ob Kontaktflächen kontaminiert sind.

Wie haben Carsharing-Anbieter auf die Corona-Krise reagiert? Welche Anpassungsstrategien haben sie entwickelt?

Fast alle Anbieter gaben an, die Reinigungsintervalle zu erhöhen und die Fahrzeuge häufiger zu desinfizieren. Interessanterweise passen einzelne Anbieter auch ihr Geschäftsmodell an die Situation an. Anbieter mit Geschäftsgebieten, in denen die Autos frei angemietet und abgestellt werden können, haben zum Beispiel das Geschäftsgebiet um Krankenhäuser in Stadtrandlage erweitert. Andere haben die Gebühren für temporäres Parken verringert, um Einkäufe, zum Beispiel von großen Mengen Klopapier, zu vereinfachen. Im Unterschied zu E-Rollern und Ride-Pooling-Angeboten ist mir kein Anbieter bekannt, der das Geschäft komplett ausgesetzt hat. Vereinzelt wurden Flotten reduziert oder dies zumindest angekündigt. Einzelne Angebote, Autos für sehr lange Zeiträume, etwa mehrere Wochen, anmieten zu können, sind wohl ebenfalls als Form der temporären Flottenreduktion zu sehen.

Wie schätzt Du die Zukunft des Carsharings ein? ShareNow, die gemeinsame Carsharing-Plattform von BMW und Mercedes, hat sein Angebot wegen der Corona-Krise reduziert. Besteht die Gefahr, dass Anbieter den Betrieb aufgrund von Umsatzeinbußen komplett einstellen?

Der Bundesverband CarSharing, ein Interessenverband insbesondere stationsgebundener Carsharing-Anbieter, hat ausdrücklich vor dieser Gefahr gewarnt. Ein Drittel seiner Mitglieder schätzt die Lage als existenzbedrohend ein. Entscheidend werden die Länge und Art der Beschränkungen sein. Carsharing ist nicht immer gleich Carsharing. Stationsgebundene Anbieter, die ihre Fahrzeuge nur an festen Stationen zur Verfügung stellen, sind regional sehr verteilt und häufig relativ klein. Genossenschaften und Vereine sind weit verbreitet. Es bleibt abzuwarten, wie robust sich diese gegenüber den aktuellen Umsatzrückgängen zeigen. Anders ist die Lage bei stationslosen, free-floating Anbietern, bei denen die Abholung und Abgabe des Fahrzeugs innerhalb eines Geschäftsgebiets erfolgen muss. Auch wenn sie unter einem ähnlich dramatischen Nachfragerückgang leiden, sind die meisten Anbieter Tochterunternehmen von Autobauern oder großen Firmen. Dies erlaubt ihnen teilweise sehr dynamisch auf die Krise reagieren zu können. Darüber hinaus spielen hier strategische Erwägungen eine große Rolle.

Die mit dem Coronavirus verbundenen Auflagen und Kontaktbeschränkungen können bei Menschen zu neuen Verhaltensmustern führen, die sich auch in einem veränderten Mobilitätsverhalten niederschlagen können. Wie, glaubst Du, wird sich die Nachfrageseite künftig weiterentwickeln?

Allgemein zeigt sich eine Tendenz zur Individualisierung des Verkehrs. So haben der motorisierte Verkehr und der Radverkehr weniger abgenommen als die Auslastung des öffentlichen Nahverkehrs. Es spricht wenig dagegen, dass sich dieser Trend kurzfristig umkehrt. Insbesondere von einem unregelmäßigen individuellen Verkehr könnte auch Carsharing profitieren. Beispiele wären einzelne Fahrten ins Büro oder Wochenendurlaube in der Umgebung. Wesentlich für die Entwicklung der Nachfrage ist die Art der Beschränkungen. Wenn Urlaube zum Beispiel nur innerhalb Deutschlands möglich sein werden, würde ich insbesondere für stationsbasiertes Carsharing einen Nachfrageanstieg erwarten. In der Vergangenheit wurde stationsloses Carsharing häufig für Fahrten zum Flughafen genutzt. Von einer Belebung des europäischen Flugverkehrs würden so insbesondere diese Anbieter profitieren.

Wie würdest Du auf die Krise reagieren, wenn Du ein Carsharing-Unternehmen leiten würdest?

Um diese Frage zu beantworten, müsste man erneut zwischen stationsgebundenen und stationslosen Anbietern unterscheiden. Trotzdem vereinfache ich ein bisschen und würde zunächst fragen, wer sich jetzt noch ein Auto mieten sollte. Mit den Lockerungen sehe ich erhebliches Potenzial beispielsweise für Kurzurlaube und Wochenendausflüge in der Region durch Haushalte ohne Auto, die ungerne Bahn fahren möchten. Diese würde ich versuchen gezielt anzusprechen. Nach mehreren Wochen der Beschränkungen dürfte dies eine Verlockung sein. Denkbar wären auch gebündelte Angebote, also dass man beispielsweise ein Zelt direkt mitvermietet oder mit Anbietern von Unterkünften kooperiert. Vor dem Hintergrund sinkender Einkommen, etwa durch Kurzarbeit, könnte man sich überlegen, Haushalten mit Autos, als günstigere Alternative, Carsharing vorzuschlagen. Die Kernbotschaft wäre, dass man sich insbesondere bei wenigen Fahrten Kosten für den Unterhalt spart, ohne auf etwas verzichten zu müssen. Besonders effektiv wäre das wohl in Kombination mit einer Abwrackprämie, mit der man das alte Auto gegen Freiminuten tauscht. Das Stichwort Abwrackprämie macht aber eines deutlich: Das Thema ist sehr politisch, bei dem verkehrspolitische und industriepolitische Erwägungen zentrale Rollen spielen.

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