Digitale Bildung: Schulen und Hochschulen in Krisenzeiten

Der Ausbruch des Coronavirus zwingt Schulen und Hochschulen in den digitalen Raum. Welche Auswirkungen E-Learning und virtuelle Hörsäle auf die Gesellschaft haben, untersuchen am Weizenbaum-Instituts die Forschungsgruppenleiter*innen Gergana Vladova und André Renz in mehreren Projekten.

Als die Bundesländer im März 2020 anordneten, den Schul- und Hochschulbetrieb zu schließen, um die Verbreitung des Coronavirus einzudämmen, kam der digitalen Bildung mit einem Schlag eine neue Bedeutung zu. Um ihren Unterricht und ihre Vorlesungen in den virtuellen Raum zu verlagern, mussten Schulen und Hochschulen aufrüsten. Wie gut funktioniert das digitale Lehren und Lernen in Deutschland? Welchen Herausforderungen müssen sich (Hoch-)Schulen und Lehrkräfte auf der einen und Schüler*innen und Studierende auf der anderen Seite stellen? Welche Maßnahmen hat die Politik ergriffen, um die digitale Bildung in Deutschland zu stärken?

Am Weizenbaum-Institut untersuchen die Forschungsgruppenleiter*innen Gergana Vladova und André Renz seit Anfang des Jahres, wie sich die Coronakrise auf die Digitalisierung der Bildung auswirkt. Um einen möglichst umfänglichen Eindruck von den verschiedenen Prozessen zu erhalten, haben sie in den letzten Monaten mehrere Projekte angestoßen.

Eigene Digitalisierungsprozesse selbst bewerten 

Unmittelbar motiviert durch die aktuellen Geschehnisse entwickeln Vladova und Renz zurzeit einen Selbstbewertungsrahmen für Schulen. Dieser ermöglicht es den Schulen, den Grad der Digitalisierung ihrer Einrichtung zu beurteilen und Maßnahmen zur Umsetzung abzuleiten. Es ist geplant, den Selbstbewertungsrahmen online zur Verfügung zu stellen. In einer ersten Testphase sollen sich Berliner Schulen mithilfe des erstellten Werkzeugs zunächst einem der drei Schultypen zuordnen: nicht digitale, partiell digitale und voll digitale Schule. 

Die Selbstevaluation dient auch dazu, Potenziale für innovative Lehr- und Lernstrategien zu identifizieren und mit anderen Schulen, die sich ebenfalls im digitalen Transformationsprozess befinden, in Dialog zu treten. Ein großer Vorteil des Selbstbewertungsrahmens besteht darin, dass er während des Digitalisierungsprozesses angepasst, modifiziert und erweitert werden kann. In einer Begleitstudie nimmt Vladova die Perspektive der Berliner Schulleitungen in den Fokus und erforscht, wie diese die Coronakrise erleben und meistern. 

Wie EdTech-Unternehmen ihre Produkte innovieren

Wie EdTech-Unternehmen die aktuelle Krise nutzen, um ihre digitalen Lösungen auf dem Markt zu positionieren, untersucht Renz mit seinem Team in einem weiteren Projekt. Anhand von Lernmanagementsystemen und Sprachlernplattformen kann das Forschungsteam zeigen, dass EdTech-Unternehmen in der Lage sind, ihre bestehenden Geschäftsmodelle schnell an die veränderten Marktbedingungen und Kundenbedürfnisse anzupassen. Da in der Coronakrise mehr und mehr Bildungseinrichtungen, Unternehmen und Privatpersonen EdTech-Angebote nutzen, werden auch mehr Daten über das Nutzerverhalten generiert. 

Zurzeit kann noch nicht abgesehen werden, ob diese Daten auch für eine stärkere Entwicklung von datenbasierten Geschäftsmodellen (auch im Bereich KI basierte Lernlösungen) eingesetzt werden beziehungsweise wie hoch die tatsächliche Innovationsdynamik sein wird. Hierfür ist entscheidend, dass die EdTech-Unternehmen die neu generierten Nutzerdaten im Sinne von Learning Analytics verantwortungsvoll sammeln, analysieren und in ihre digitalen Lehr- und Lernlösungen implementieren, um so die bestehenden Geschäftsmodelle nachhaltig zu optimieren. 

Begleitstudie zum virtuellen Sommersemester an Hochschulen

Wie das virtuelle Sommersemester von Studierenden wahrgenommen wird und wie sich ihre Erfahrungen und Einstellungen dazu im Zeitverlauf verändern, untersuchen Vladova und Renz zurzeit in einer Langzeitstudie an mehreren deutschen Hochschulen. Auf der Grundlage der vorliegenden Daten können bereits Tendenzen abgeleitet werden. So zeigt sich beispielsweise, dass die Bedürfnisse von Studiengang zu Studiengang stark variieren. Grundsätzlich wird von den Studierenden die Vermittlung von Faktenwissen, welches mittels Sprache, Schrift oder Bilder dokumentiert werden kann, als eher unproblematisch angesehen. Die Grenzen der Technik, so eine Mehrheit der Studierenden, werden bei der Vermittlung von Erfahrungswissen erreicht, welches sich aus den gewonnenen Erfahrungen, Erinnerungen und Überzeugungen speist. Die Studie zielt weiterhin darauf ab herauszufinden, wie sich die Akzeptanz von virtueller Lehre im Laufe des Semesters verändert und welche Gestaltungsmöglichkeiten sich für die Hochschullehre daraus ableiten lassen.

Themenentwicklung in der öffentlichen Diskussion 

Renz analysiert die aktuelle Diskussion über den digitalen Unterricht in den Medien, um auf der Grundlage Themenentwicklungen nachzeichnen und potenzielle Handlungsfelder identifizieren zu können. So zeigt sich beispielsweise, dass sich Schulen, Schulbezirke, aber auch Bundesländer nach einer anfänglichen Ohnmacht schnell organisiert und Leitfäden für die Implementierung von Online-Unterricht erstellt haben. Renz beobachtet aber auch eine Veränderung des Mindsets, die sich unter anderem darin äußert, dass immer mehr Initiativen und Plattformen für die Ausbildung von Online-Lehre entstehen, die aus einem Kollektivgefühl der Solidarität entstanden und gefördert werden. Dass der digitale Unterricht auch soziale Diskrepanzen schafft und Ungleichheiten verstärkt, ist Renz zufolge in den Medien weiterhin nur ein untergeordnetes Thema. Bildungsungleichheiten werden im Zuge der Coronakrise zwar aufgezeigt, doch folgen viele Lösungsansätze einer technologiegetriebenen Argumentation.

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