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Kinder, die auf Smartphones starren

Wie Eltern die Nutzung mobiler Technologien ihrer Kinder wahrnehmen

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Weizenbaum Insights


Egal ob Fernsehen, Spielekonsole oder das Internet – die Nutzung neuer Technologien in der Familie ist und war immer von Diskussionen und Unsicherheiten begleitet. Wie kann und sollte mein Kind mit dieser Technologie umgehen? Welche Auswirkung hat die Nutzung auf mein Kind, auf mich als Elternteil und auf uns als Familie? Die Verbreitung von Smartphones und Tablets hat diese Diskussionen auf ein neues Level gehoben und zu heftigen Debatten zwischen Befürwortern und Gegnern des kindlichen Umgangs mit diesen Technologien geführt. Durch ihre Handlichkeit ermöglichen mobile Endgeräte die Interaktion mit den dargebotenen Inhalten in unterschiedlichen Umgebungen. Apps bieten den Nutzern die Gelegenheit, das Smartphone oder Tablet ganz auf die individuellen Bedürfnisse anzupassen und für eine Vielzahl verschiedener Zwecke einzusetzen. Während die frühe kindliche Interaktion mit Technologien oft durch pädagogische Vorteile gerechtfertigt wird, schürt die enge Verbindung, welche Kinder tendenziell mit diesen neuen Technologien haben, die Sorge über negative, entwicklungsbezogene Auswirkungen sowie den möglichen Kontakt mit ungeeigneten Inhalten, Werbung und anderen potenziellen Risiken.

Mit einer qualitativen Studie ging die Doktorandin Cora Bergert zusammen mit ihren Kolleg*innen daher der Frage nach, wie Eltern den Umgang ihrer Kinder mit mobilen Technologien, wie Smartphones und Tablets, erleben, welche Bedenken sie diesbezüglich hegen, aber auch, welche Vorteile sie in der Nutzung der Endgeräte sehen. An der Studie nahmen 300 US-amerikanische Eltern von Kindern zwischen zwei und dreizehn Jahren teil. 96,7% der Eltern gaben an, dass ihre Kinder ein Smartphone oder Tablet nutzen. Von diesen besitzen 62,8% ein eigenes Tablet, 32,4% ein Smartphone und 17,2% nennen sogar beide Endgeräte ihr Eigen.

Insgesamt äußerten 90 Prozent aller Eltern mindestens eine Sorge in Bezug auf die kindliche Nutzung von Smartphones und Tablets, während nur 9 Prozent der Eltern angaben, keinerlei Bedenken zu haben. Die Forschungsgruppe identifizierte Bedenken auf unterschiedlichen zeitlichen Ebenen: zunächst hinsichtlich der unmittelbaren Risiken, welchen ihre Kinder während der Interaktion mit dem mobilen Gerät ausgesetzt sind (proximale Bedenken) sowie hinsichtlich der längerfristigen, abstrakten und kaum vorhersehbaren Schäden, welche sich aus dem Kontakt der Kinder mit eben diesen Risiken ergeben können (distale Bedenken). Als eins der größten Risiken empfinden Eltern den möglichen Kontakt ihres Kindes mit unangemessenen Inhalten, vor allem Gewalt und Pornographie. 30,7 Prozent der befragten Eltern benannten diese Sorge in unserer Umfrage. Darüber hinaus nannten Eltern Bedenken über potenzielle Sicherheitsrisiken sowie Bedenken in Bezug auf die Zeit, die Kinder mit dem Smartphone und/oder Tablet verbringen.

Hinsichtlich der längerfristigen Schäden trägt die Aufmerksamkeit, die viele Kinder ihrem mobilen Gerät schenken, zu einer negativen elterlichen Einstellung bei. Eltern teilen die Angst vor einer zu großen Abhängigkeit ihrer Kinder vom Gerät, wobei einige Eltern dieses Verhalten bereits als Sucht beschreiben. Mobile Endgeräte können eine enorme Anziehungskraft auf Kinder ausüben, weshalb Eltern die Bildschirmzeit in einem ständigen Wettbewerb mit anderen Aktivitäten (z.B. Schulaufgaben) wahrnehmen und versuchen, die Zeit am Gerät mit bildschirmfreien Tätigkeiten auszugleichen. Das Sammeln von Erfahrungen in der realen Welt, das Kind-Sein, das unstrukturierte und kreative Spiel sehen Eltern als gefährdet. Weitere Bedenken hegen Eltern hinsichtlich der Effekte auf die physische, kognitive und sozio-emotionale Entwicklung des Kindes. So äußerten sie sich kritisch über den mit der Technologienutzung einhergehenden Mangel an körperlicher Aktivität sowie mögliche negative Auswirkungen auf die physische Gesundheit des Kindes. Die Eltern zeigten sich zudem besorgt über mögliche Beeinträchtigungen der Lern- und Konzentrationsfähigkeit, Kreativität, Phantasie sowie Sprachentwicklung ihres Kindes. In Bezug auf die soziale Entwicklung befürchten Eltern eingeschränkte persönliche Interaktionen und die kindliche Imitation unangemessener Online-Inhalte, welche zu einer Beeinträchtigung der Sozial- und Kommunikationskompetenz führen könnten.

Die Studie zeigt, dass mobile Technologien Eltern und Kindern jedoch auch eine Vielzahl von Vorteilen bieten können. 66,9 Prozent aller Eltern loben besonders den pädagogischen Nutzen von Smartphones und Tablets, welche jederzeit und ohne Aufwand enorme Mengen an Wissen zur Verfügung stellen können. So gehen die Eltern davon aus, dass der Umgang mit Technologien die Erweiterung der eigenen Fähigkeiten in verschiedenen Bereichen, wie Kommunikation, Lesen oder Problemlösung, fördert. Der Erwerb von Kompetenz im Umgang mit Technologien ist ein weiterer Vorteil, den Eltern in der frühen kindlichen Interaktion mit diesen Endgeräten wahrnehmen (16,2 Prozent). Durch den frühzeitigen Umgang mit Technik möchten sie ihre Kinder dabei unterstützen, sich spielerisch die für die Zukunft notwendigen Fähigkeiten anzueignen. Darüber hinaus schätzen Eltern die mobilen Endgeräte dafür, dass sie ihnen und ihren Kindern ermöglichen, in ständigem Kontakt miteinander zu stehen und dadurch ein Gefühl der Sicherheit vermitteln (10,3 Prozent). Auch nutzt eine Vielzahl von Eltern mobile Endgeräte, um sich selbst temporär Freiraum zu verschaffen, während ihre Kinder mit dem Gerät beschäftigt sind (22,4 Prozent).

Die Studie zeigt, dass Eltern die Nutzung mobiler Technologien durch ihre Kinder nicht nur als vorteilhaft für das Kind und sich als Elternteil wahrnehmen, sondern auch Bedenken empfinden. Aus diesem Grund stehen sie vor der Notwendigkeit, eine Vielzahl wahrgenommener Vorteile und Risiken kontinuierlich gegeneinander abzuwägen, um einen angemessenen Umgang ihrer Kinder mit mobilen Technologien zu gewährleisten.

Die Inhalte dieses Beitrags sind erschienen als Konferenzpaper: Bergert, Cora/Köster, Antonia/Krasnova, Hanna/Turel, Ofir (2019) "Missing Out on Life: Parental Perceptions of Children's Mobile Technology Use". International Conference on Wirtschaftsinformatik 2020, Potsdam.

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