magnifying-glass

Schneller, lauter, schriller

Im Zuge der Digitalisierung erfahren breite Teile der Medien, aber auch der Öffentlichkeit einen Strukturwandel. Dieser Strukturwandel ist geprägt von Phänomenen der Fragmentierung. Mit welchen Strategien etablierte Akteure wie die traditionellen Medien und die Volksparteien den Herausforderungen begegnen können, die sich in der veränderten Umgebung stellen, ist Gegenstand des folgenden Essays. Der Autor Curd Knüpfer leitete bis September 2019 am Weizenbaum-Institut gemeinsam mit Annett Heft die Forschungsgruppe 15 „Digitalisierung und transnationale Öffentlichkeit“.

Veröffentlicht am


Weizenbaum Insights


Nahezu überall in Europa – und nicht nur dort – erleben wir das Aufkommen rechtspopulistischer Bewegungen, Parteien und alternativer Medienangebote, die sich explizit gegen das Establishment richten und demokratische Regeln und Verfahren infrage stellen. Traditionelle Volksparteien verlieren Mitglieder und Wählerstimmen. Demokratische Prozesse und Institutionen büßen in breiten Kreisen der Bevölkerung an Glaubwürdigkeit ein. Diese Prozesse gehen einher mit einem tiefgreifenden Wandel von Medien und Öffentlichkeit. Vernetzte Kommunikation über digitale Plattformen sorgt dafür, dass wahrgenommene Informationen in der Tendenz schneller, lauter und schriller werden. Ob man diese Entwicklung nun als einen Verlust an Diskussionskultur beklagt oder als Chance für neue Formen demokratischer Beteiligung feiert – feststeht, dass sich mit dem Wandel auch die Spielregeln für demokratisches Sprechen und Handeln verändert haben. Politische Parteien, aber auch die traditionellen Medien müssen dies realisieren und entsprechende Strategien entwickeln, wenn sie ihre gesellschaftliche Relevanz wahren oder zurückerlangen wollen.

Der momentane Strukturwandel der Öffentlichkeit ist geprägt von Entwicklungen, die über die Sphäre des Digitalen weit hinausreichen. Ein zentrales Phänomen ist dabei der Verlust zentraler Plattformen, die noch vor Kurzem die Bühne für einschlägige Diskussionen boten. Besonders deutlich lässt sich dies in den USA beobachten, wo derartige Fragmentierungsprozesse bereits weiter fortgeschritten sind. Um es hier an einer Anekdote festzumachen: Der frühere Nachrichtensprecher von CBS Evening News pflegte seine Sendung mit den Worten „I am Walter Cronkite, and that’s the way it is“ zu beenden. Das Publikum nahm ihm diesen Slogan durchaus ab. Cronkite galt in den 1960er- und 1970er-Jahren als vertrauenswürdigster Mann Amerikas. Solch ein Phänomen wäre heute undenkbar. Nachrichtensprecher*innen gibt es zwar weiterhin, nur konkurrieren diese in ihrer Deutungshoheit nun mit einer zunehmenden Vielzahl anderer Quellen und Formate um das Vertrauen unterschiedlicher Zuschauergruppen.

Fragmentierung wird nicht nur durch die Vielfalt konkurrierender Medienangebote bedingt, sondern auch durch den Stil von Diskussionen und Berichterstattung. Meinungsverschiedenheiten finden heute zunehmend nicht innerhalb von Medien, sondern zwischen Medien statt, die selbst immer stärker Partei ergreifen, um spezifische Nischen innerhalb der Bevölkerung anzusprechen. Das Internet und digitale Plattformen beschleunigen diesen Trend, indem hier immer kleinteiligere Nutzerprofile adressiert werden können. Politische Marketingstrategien wie das sogenannte Microtargeting, bei dem individuelle Profile von Nutzer*innen gezielt mit Informationen versorgt werden, verstärken diese Dynamik zusätzlich.

Ein weiterer Aspekt der Fragmentierung besteht darin, dass sich neben der etablierten Öffentlichkeit zahlreiche Teil- und Gegenöffentlichkeiten herausbilden, die nicht länger an einen Bekanntenkreis oder räumliche Nähe gebunden sind. Innerhalb dieser diskursiven Gemeinschaften gibt es nicht zwangsläufig Mechanismen der Qualitätskontrolle, wie eine redaktionelle Auswahl von Themen oder die Prüfung auf Faktizität. Beispiele für Gegenöffentlichkeiten, in denen die gängigen Regeln faktenbasierter Deliberation oftmals missachtet werden, sind die Communities von Impfgegner*innen, Klimawandelskeptiker*innen und Anhänger*innen der Flat Earth Society (die Beweise dafür sammeln, dass die Erde eine Scheibe ist). Gleichzeitig agieren Teilöffentlichkeiten aber auch an etablierten Machtstrukturen vorbei und erweitern somit das Spektrum demokratischer Teilhabe. Digitale Netzwerke ermöglichen dabei dezentralisierte Formen der Faktenfindung und die kollektive Bildung einer Nachrichtenagenda. Derartige Prozesse waren zuletzt auch ein elementarer Bestandteil progressiver Bewegungen wie Me Too, Black Lives Matter oder Fridays for Future. Das Aufkommen neuer Teilöffentlichkeiten ist indessen nicht gleichzusetzen mit einer Enklavenbildung, Abschottung oder gar dem umstrittenen Konzept von Filterblasen. Vielmehr ist zu beobachten, dass kollektive Deliberationsprozesse einzelner Teildemografien eher zu mehr Sichtbarkeit führen und sich diese oftmals in direkter Reaktion aufeinander konstituieren. 

All dies zusammen ergibt ein Bild, das unsere Forschungsgruppe mit dem Konzept einer „dissonanten Öffentlichkeit“ beschreibt – einer lauteren, vielstimmigen und gegensätzlicheren Form der gesamtgesellschaftlichen Kommunikation. Unter demokratietheoretischen Gesichtspunkten ist Dissonanz weder ein Rück- noch ein Fortschritt. Dass Demokratien im Modus der Konsensfindung agieren müssen, ist schließlich kein Naturgesetz. Und dass Akteure sich für Anliegen Gehör verschaffen können, die zuvor keinen Zugang zu Medien und Politik hatten, ist zunächst begrüßenswert. Was man aber beobachten kann, ist, dass unterschiedliche Akteure von den neuen Spielregeln, die durch die dissonante Öffentlichkeit gegeben sind, auf verschiedene Weise profitieren. Zuletzt ist es besonders Gruppierungen oder einzelnen Akteuren aus dem rechten politischen Spektrum gelungen, sich die neuen Spielregeln zu nutzen zu machen. Über neue Kommunikationskanäle umgehen sie die alten Gatekeeper, pflegen ideologische Netzwerke und präsentieren sich als volksnahe Alternativen zu den etablierten Institutionen. Volksparteien und die traditionellen Medien hingegen zählen eher zu den Verlierern im neuen Spiel.

Müssen die etablierten Akteure innerhalb einer dissonanten Öffentlichkeit selbst schriller oder autoritativer werden, um sich behaupten zu können? Keineswegs! Um bei unserer Klangmetapher zu bleiben: Die Institutionen müssen ein neues Hörverhalten antrainieren. Denn mit den Phänomenen der dissonanten Öffentlichkeit ist es ein bisschen so, wie mit dem in den 1960er-Jahren aufgekommenem Free Jazz. Die etablierten Akteure müssen lernen, Harmonien zu erkennen. Das heißt: mit Inhalten, die ihnen zunächst einmal als reiner Krach erscheinen, inhaltlich umzugehen. Unerwünschte Diskursinhalte einfach nur als „Shitstorm“ und „Botnetzwerke“ zu verunglimpfen oder einfach komplett zu ignorieren, ist kommunikativ oft nicht besonders zielführend. Stattdessen sollten die etablierten Akteure es darauf anlegen, die als schrill und kurzlebig wahrgenommenen Diskurse der digitalen Öffentlichkeit in ihr eigenes, auf Reflexion und argumentative Auseinandersetzung angelegtes Verfahrensmodell zu integrieren. Sonst nämlich bleiben die neuen Teilöffentlichkeiten oftmals ungehört – was wiederum Frust und demokratische Desillusionierung zur Folge hat. 

Nötig ist nicht nur die Integration von Inhalten, sondern auch von Verfahren. Eine SPD unter Willy Brandt hatte deutlich höhere Hürden, um tatsächlich mehr Demokratie zu wagen. Heute können sich Parteien der Forderung nach mehr Teilhabe und horizontaler Partizipation durch die Basis kaum noch glaubwürdig entziehen. Und auch seriöser Journalismus sollte das Publikum nicht als homogene Masse passiver Rezipienten, sondern als heterogene Kommunikationspartner verstehen.

Politische Parteien und traditionelle Medien müssen hierbei zunächst erkennen, dass Dissonanz der neue Normalzustand ist. Sie müssen dabei nicht vorrangig am eigenen Output, sondern an den Inputmechanismen schrauben. Diese müssen neue Tonlagen nicht nur aufnehmen können, sondern auch Sinn aus ihnen schöpfen und im Kontext der eigenen Institution in produktive Bahnen lenken. Auch Gegenstimmen werden lauter. Damit muss man umgehen, indem man lernt das Konstruktive vom Disruptiven zu trennen. Als Kuratoren demokratischer Prozesse würden die etablierten Institutionen nicht nur auf Basis ihres ureigenen Know-hows das eigene Profil schärfen, sondern auch insgesamt dazu beitragen, dass im digitalen Strukturwandel nicht wesentliche Errungenschaften bisheriger demokratischer Öffentlichkeiten verloren gehen.

Zur vorherigen Seite